Fernweh (ein Traum….)

Er fand es nicht schlimm, die Welt durch Gitterstäbe zu sehen. Er kannte es gar nicht anders, schon immer – oder seit er sich erinnern konnte – war es so gewesen. Ausserdem stand sein Käfig am Fenster, so dass er beobachten konnte, was sich draussen tat. Das war fast so gut, wie selber dort zu sein, vielleicht sogar ein bisschen besser, denn die alte Frau, bei der er wohnte, war sehr nett und gab ihm jeden Tag frische Körner und redete mit ihm und sang ihm manchmal eine kleine Melodie vor. Er hätte auch gerne gesungen, er wusste, dass er singen sollte, dass dies der eigentliche Zweck seines Hierseins war, aber er konnte nicht, so sehr er sich auch bemühte. Die alte Frau nahm es ihm aber nicht übel, davon war er überzeugt, denn sie lächelte und nannte ihn zärtlich „mein Hübscher“ und er fand das sehr angenehm und richtig, denn tatsächlich schillerten seine Schuppen ansprechend im sanften Licht, das durchs Fenster fiel.

Nur im Herbst wurde es manchmal etwas schwierig. Nicht wegen der alten Frau, sondern weil er dann die grossen Vogelschwärme sah, die sich draussen sammelten, in wilden Formationen durch den Himmel schwammen und sich auf die Reise in den Süden vorbereiteten. Dann packte ihn selber das Fernweh und er wünschte, die Gitterstäbe würden verschwinden. Er fühlte sich plötzlich sehr einsam, sehnte sich nach einem Schwarm und der Gedanke, dass sein ganzes Leben hier in diesem Käfig, bei der alten Frau mit ihrem Gesang und ihren Körnern und ihrem „mein Hübscher“ ein schrecklicher Irrtum sei, setzte sich in seinen Geist fest und liess ihn beinahe verzweifeln, auch wenn ihm klar war, dass er vermutlich nicht der Einzige war, der so fühlte und dass es auch wieder vorbei gehen würde, wie jedes Jahr.

Es wäre bestimmt vorbei gegangen, wenn die alte Frau nicht ausgerechnet an diesem Tag vergessen hätte, die Tür seines Käfigs zu schliessen und ausserdem das Fenster offen stand.
Es wäre vorbei gegangen, wenn an diesem Tag kein Vogelschwarm durch den Himmel vor dem Fenster getanzt wäre, bereit zum Aufbruch an einen unbekannten Sehnsuchtsort.
Es wäre vorbei gegangen, wenn die vage Idee, sein bisheriges Leben beruhe auf einem gigantischen Missverständnis sich nicht in diesem Moment zur Gewissheit verfestigt hätte und er deshalb den Mut aufbrachte, den Sprung zu wagen und durch die offene Käfigtür und das Fenster seinem Schwarm hinterher zu schwimmen.

Er folgte ihm eine Weile in einiger Distanz, dann erblickte er unter sich eine glänzende Fläche, in der sich der Himmel spiegelte und plötzlich wusste er nicht mehr, wo oben und unten war und fiel – oder stieg er hoch? – der glänzenden Fläche entgegen.
Einen kurzen Moment fürchtete er sich vor dem Zusammenstoss, aber dann tauchte er ganz sanft hinein und es umgab ihn zum ersten Mal in seinem Leben die wunderbare kühle, stille Welt des Wassers.

Tief unter sich sah er einen grossen Schwarm und er begriff, dass nicht nur sein bisheriges Leben ein Irrtum, sondern auch sein Fernweh in Wahrheit etwas ganz Anderes gewesen war: Heimweh nach einer Welt, in die er passte.

5 Gedanken zu „Fernweh (ein Traum….)“

  1. Liebe Esther,
    mir fehlen irgendwie die rechten Worte. Alles was ich schreiben könnte, erscheint mir auch nicht andeutungsweise angemessen. Darum nur: Herzlichen Dank für diesen Text, er hat meine Seele und mein Herz berührt.
    Liebe Grüße, Martina

  2. Kram und Glitzerstaub?
    Liebi Esther, deine Drittoktober Geschichte funkelt, glimmert und flitzt glitzernd in mein Herz.
    Ich mag sie … dich sowieso

  3. Liebe Esther

    Auch mir fehlen die Worte zu diesem Text, aber eines weiss ich ganz gewiss: du hast ihn wunderbar verfasst und geschrieben! Wirklich toll und rührend!

    Vielen Dank dafür und liebe Grüsse
    Struppy

Kommentare sind geschlossen.