Glück gehabt…

Im Neubau mir gegenüber gibts zwei Läden. Einen, der E-Bikes verkauft und einen, der Reisen verkauft, die fürs E-Bike zu weit sind.
Seit einiger Zeit hat nun dieses Reisebüro ein Plakat im Schaufenster.
Nun finde ich solche Reisebüroplakate im Winter ja immer ein bisschen fies. Wenn man da in Berge von Textilien gehüllt und trotzdem frierend in der kalten Bise davor steht und sich Bilder von Stränden und  so ansehen muss und genau weiss, dass die nächsten Ferien in weiterer Ferne liegen als Australien. Mindestens.

Aber ok. Man ist tapfer und hat sich daran gewöhnt. Man lässt sich dadurch nicht weiter provozieren. DIESES Plakat jedoch geht noch einen Schritt weiter, indem es nicht nur Strände und Sonne und lachende Leute zeigt, sondern das ganze noch mit einem Slogan verunziert. Der da lautet: „GLÜCKLICH DANK HOTELPLAN!“

Hallo?
Wie idiotisch ist bitte DIESER Spruch? Er beleidigt nicht nur meine Intelligenz, sondern die Intelligenz jeder Person, deren IQ auch nur geringfügig höher als der einer Scheibe Brot ist!
Wer bitte denkt sich sowas aus? Wer glaubt, dass irgendwer tatsächlich glaubt, dass ihn ein Reisebüro glücklich machen könnte? Und wie anmassend ist es, eine solche Behauptung in die Welt zu posaunen.
Glück?
Klar, die meisten Leute sind schon mal zufriedener, wenn sie Ferien haben, als wenn sie arbeiten müssen. Die meisten Leute sind wohl auch zufriedener, wenn sie in der Sonne sein können, als unter einer winterlichen Hochnebeldecke. Die meisten Leute sind sicher zufriedener, wenn sie Geld haben, um eine Reise zu bezahlen, als wenn sie kein Geld dafür haben, also ist, wenn man eine Zufriedenheitserhebung bei Feriengästen am Strand einer bei Menschen im Winter an ihrem Arbeitsplatz gegenüberstellen würde, die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass die Ferienleute etwas zufriedener sind.
Aber glücklich DANK dieses Reisebüros?

Warum funktioniert eigentlich Werbung überhaupt?
Jeder weiss doch, dass die Geschichten, die sie uns erzählt, nicht viel mit der Realität zu tun haben. Jeder weiss, dass die Botschaften und Versprechungen gelogen sind, und die Leute, die sie produzieren, wissen auch, dass man das weiss. Und doch scheint das überhaupt keine Rolle zu spielen. Niemand geht in diesen Laden und haut auf den Tisch und reklamiert wegen der dreisten Lüge.

Und da stehe ich nun, vor diesem anstössigen Plakat im Grau eines kalten Januarmorgens, gerüstet mit den Gummistiefeln aus Kulturkritik in einer Pfütze selbstgerechter Empörung (und im Kopf das Bewusstsein, dass diese Metapher fraglos sehr fragwürdig ist) und in diesem Moment entdecke ich mein eigenes Spiegelbild, ein bleiches, bitteres Gesicht, das mich vor dem Hintergrund mit den Stränden und lachenden Leuten anstarrt und dann kippt irgendwas in mir und ich sehe mich selbst und die ganze Absurdität – nicht die des Werbespruchs, sondern meiner Entrüstung darüber. Und mein Gelächter schreckt ein paar Tauben auf und verhallt ansonsten im Grau dieses Tages.
Das Lachen in mir hält dagegen noch etwas an. Danke, Hotelplan!

 

5 Gedanken zu „Glück gehabt…“

  1. Liebe Esther, deinen Blog-Eintrag habe ich leider erst jetzt entdeckt, aber dafür umso herzlicher gelacht darüber, weil dein Schlusssatz mich einfach angesteckt hat. Wie immer SUPER geschrieben, Esther – vielen Dank!

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