Zeit

Neulich habe ich mir in meinem Lieblingsteeladen etwas gekauft, das ich eigentlich überhaupt nicht brauche, das mir aber so gut gefallen hat, dass ich es trotzdem haben wollte. Weil es mir eine Geschichte erzählte.

Es handelte sich um einen kleinen Metallrahmen mit drei Sandührchen  und der Bezeichnung „PERFECT TEA TIMER“ – jede der Sanduhren enthält unterschiedlich farbigen Sand in unterschiedlicher Menge um eine unterschiedliche Zeitdauer zu messen, damit man seinen Tee leicht, mittel, oder stark ziehen lassen kann. Wie gesagt, man braucht dieses Ding nicht dringend um überleben zu können.

Als ich ein Kind war, hatten wir eine kleine Sanduhr neben dem Telefon stehen. Ich weiss nicht, ob sie drei oder fünf Minuten mass – wohl eher drei, denn das war damals, als telefonieren noch richtig Geld kostete – und mein Vater hatte ein kleines Schild dazu gestellt, auf dem er in seiner wie gedruckt aussehenden Schrift geschrieben hatte: „Fasse dich kurz!“

Er vertrat nämlich strikte die Ansicht, alles Wichtige könne ohne weiteres in drei Minuten gesagt werden. Alles, was darüber hinausging, sei unnötiges Blabla.
Ich glaube, er war der Einzige, der diese Sanduhr benutzt hätte, hätte er es je nötig gefunden, überhaupt irgendwen anzurufen.

Ich benutzte sie auf andere Art. Ich sass am Boden neben dem Telefontischchen und stellte mir vor, dieser Sand, der da nach unten wegrieselte sei eine echte Wüste. Ich sah sogar eine kleine Karawane durchziehen, mit Kamelen und allem und ohne die geringste Ahnung, wie unsicher dieser Sandboden war, auf den sie ihre Existenz gründeten. Dramatisch wurde es, wenn sich im oberen Teil ein kleiner Trichter bildete – dann rutschten die Beduinen und Kamele dem Abgrund entgegen und ich grausames Kind verfolgte ihren Sturz und ihre Landung im unteren Teil. Aber weil dort nun ein Sandberg war, taten sie sich nie weh oder verletzten sich – ich drehte die Uhr einfach um, sie klopften sich den Sand aus den Kleidern, staubten die Kamele ab und zogen weiter.

Ich weiss nicht, wie viele Stunden meiner Kindheit ich mit dieser Beschäftigung verbrachte, aber ich glaube, sie stählten mich für die Zeiten in meinem späteren Leben, in denen ich selber den Boden unter den Füssen verlor.

Aber zurück zum PERFECT TEA TIMER.
Natürlich zog er mich sofort magisch an, als ich ihn dort auf der Ladentheke stehen sah und versprach mir gleich dreifachen Genuss meiner Kindheitsfantasie und so drehte ich ihn um und sah die Zeit dreifach zerrinnen.
Allerdings war das alles noch viel raffinierter.

Es enthielt nämlich nicht die Sanduhr, welche die kürzeste Zeit messen sollte am wenigsten Sand. Im Gegenteil enthielt sie mehr Sand als die anderen, am wenigsten enthielt die Mittlere. Die Letzte enthielt fast so viel wie die erste – aber es dauerte zwei Minuten länger, bis er in der unteren Hälfte gelandet war.

Und ich dachte: Ja, genau so ist es mit der Zeit. Manchmal glaubt man, so viel davon zu haben und fühlt sich dann betrogen, weil man nicht bedacht hat, wie rasch sie verrinnt und manchmal ist so wenig davon so zäh, dass sie endlos zu sein scheint und manchmal ist sie einfach irgendwie neutral und es ist in Ordnung.
Und das war es. Nur deshalb, um mich daran zu erinnern, kaufte ich mir dieses Ding.

Frohe Weihnacht euch allen und ganz viel Zeit für alles, was euch Freude macht!

 

4 Gedanken zu „Zeit“

  1. Liebe Esther…..wie immer wenn du was schreibst ….tauche ich ein und seh alles ganz deutlich vor mir….heute lagst du bei meinen Eltern zuhause im Wohnzimmer neben dem Telefon so ein grünes mit Wählscheibe….ich finde es immer wieder faszinierend dich zu lesen.

    Dein Julchen

  2. Liebe Esther, manchmal passiert es mir das ich einen Text lese und sich in meinem Kopf nach und nach einen riesengroßes „Schön“ ausbreitet. Und wenn ich dann versuche was möglichst Intelligentes von mir zu geben komm ich immer nur bis „Schööööön“….darum:
    Schön und Danke, alles Liebe, Martina

  3. Liebe Esther

    Ich danke dir dass du uns, und mir, Zeit geschenkt hast. Was konnte ich jetzt für eine wunderbare Geschichte lesen! Es ist Weihnachten, aber auch an solchen Tagen und im Alltag erst recht, sind kurze „Auszeiten“ immer wieder sehr wertvoll.

    Ich wünsche dir auch frohe Festtage und schick dir es liebs Grüessli
    Fortuna

  4. Liebe Esther, das war wieder wunderbar zu lesen! In meinem Hirn spielte sich die Szene gleich nochmals ab, wie die Karawane durch die schmale Öffnung in den unteren Teil fiel und wie sie sich kurz schüttelten um im anderen Teil der Wüste wieder weiterzuziehen. So schön beschrieben! Vielen Dank für den Artikel, die geschenkte Zeit und die guten Wünsche. Auch dir wünsche ich schöne Festtage und viel Zeit für dich!
    Liebe Grüsse, Struppy

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