Drucker-Freuden

Dreimal im Jahr finden sie bei uns in der Schweiz statt, die globalen Sitzungstage unserer Abteilung, an welchen die Amerikaner bei uns Gastfreundschaft suchen, manchmal vergebens, und wir uns mit ihnen freuen. Eine Woche vorher beginnen die Vorbereitungen, es müssen jeweils 60 Dokumentationsmappen (30 pro Tag – der 3. Tag findet ohne statt) mit allen Präsentationen erstellt werden, die Mappen beschriftet und mit den Dokumenten gefüllt. Dafür müssen leider diverse Bäume dran glauben, denn es handelt sich um viel Papier, sehr viel Papier. Ich versuche also eine Woche vor der ersten Sitzung einen Test-Ausdruck, ob auch alles okay ist mit unserem neuen Lieblingsdrucker (Drucker A). Die PowerPoint Präsentation wird mit folgenden Daten zum Drucker geschickt: 2 Seiten auf einem Blatt, doppelseitig, ein Bostich oben links, in Farbe! Der Probedruck war perfekt, also können die Präsentationen eintreffen. Die letzte Frist ist der Freitagabend vor der Meetings-Woche, die Sitzungen finden Mittwoch bis Freitag statt, so dass ich Montag und Dienstag fröhlich vor mich hin drucken kann. Am frühen Montagmorgen schaue ich gespannt auf den gemeinsamen Link, ob alles schon eingetroffen ist. Selbstverständlich ist das Wunschdenken, aber es eilt ja auch gar nicht, Hauptsache ich kann schon mal anfangen. Also schicke ich die erste kleinere, bloss 38-seitige Präsentation zum Drucker, gebe zusätzlich zu den schon erwähnten Eingaben noch die Anzahl 30 ein und warte was passiert. Nach geraumer Zeit werfe ich einen Blick in den Druckerraum und sehe: alles aufeinander, kein Bostich. Alarmstufe rot, ich brauche Bostichklammern in den Dokumenten, denn die grösseren haben bis 150 Seiten und da möchte ich nicht meine Finger strapazieren – zudem schafft diese Anzahl mein kleiner Hefter nicht und der grosse produziert Wurst-Klammern, die bloss das Stapeln behindern. Also IT telefoniert, IT-Mann kommt vorbei, schaut sich das Ganze an und befindet meine Eingaben für richtig. Da der Drucker meint, die grosse Menge an Papier könne er nicht mehr heften, war klar, dass er am Schluss eine Klammer in die ganzen 30 x 38 Seiten losschiessen wollte. „Da muss wohl der Druckertreiber einen Fehler aufweisen“, war die Antwort des IT-Mannes. Er wird sich mit HP in Verbindung setzen und ich werde wieder von ihm hören. Also kurze Pause! Nach einer Stunde kam die Antwort von HP: Druckertreiber hatte einen Fehler, ich soll den Drucker löschen und neu installieren, dann sollte das Problem behoben sein. Gesagt – getan, es funktionierte prächtig und die erste Präsentation lag bald auf meinem Schreibtisch. Die nächste hat schon 77 Seiten und wird wohl etwas länger dauern, aber kein Problem, ich muss mich ja nicht neben dem Drucker häuslich niederlassen, werde ihn bloss ab und zu ein wenig vom Gewicht entlasten. Alles geht gut bis zum 25. Ausdruck – da stoppt er mit der Meldung „Error“ auf dem Display. Da es sich um ein sehr gescheites Gerät handelt, sagt er mir auch, wo sich der Error befindet, nämlich beim Papierausgang links. Das eingeklemmte Papier wird sorgfältig rausgezupft, jetzt befindet sich der Error auf einmal rechts – auch dort wird ein halbbedrucktes Blatt gefunden und entfernt, noch ein Error und zwar in der Zwischenablage von doppelseitigem Druck – jawohl, Papier gefunden und entfernt. Mit einem leisen Murren gibt mir der Drucker den Befehl auf OK zu drücken, dann würde er weitermachen. Erleichtert über sein druckendes Geräusch entferne ich mich aus dem Raum, bin aber noch nicht um die Ecke gebogen, als ich auf ein Geräusch aufmerksam gemacht werde – nämlich auf keines – Stille – Druckerstopp. Alles nochmals entfernen, links, rechts, Mitte, Zwischenablage, OK drücken – nichts passiert „Error“ bleibt stehen. Nochmals alles überprüfen und nichts gefunden. Da bleibt nur noch eines: Stecker ziehen, bis zehn zählen, ruhig bleiben, Stecker wieder rein und auf bessere Zeiten warten. Warten ist das Stichwort, denn es dauert recht lange, bis die Aufwärmphase, Kalibrierphase, Reinigungsphase durchlaufen sind, aber wir haben ja Zeit – zwei Tage lang! Schlussendlich beginnt das leise Murren wieder, diesmal aber begleitet vom Wort „Error“! Okay, jetzt bleibt nur noch ein Hilfeschrei zum IT-Mann, welcher auch rasch reagiert und sich das Teil gerne mal anschaut. Kein Blatt ist zu finden, also muss ein Techniker her. IT-Techniker angerufen und der kam innert kürzester Zeit. Doch leider steht auch der vor einem Rätsel: da muss HP persönlich herkommen und sich das Gerät anschauen. Also HP telefoniert – die können aber erst am Nachmittag jemanden vorbeischicken, da alle Service-Menschen unterwegs sind. Na ja, es befindet sich doch noch ein Drucker (Drucker B) auf dem Stockwerk, allerdings ein langsameres Gerät und ohne Bostich-Möglichkeit. Ich fange also an, kurze Präsentationen zu diesem zu senden und spare mir die längeren für nach der Reparatur, welche hoffentlich nicht allzu lange dauern wird.

Das Gerät ist jedoch so langsam, dass ich mir ausrechnen kann, niemals nie bis Beginn der Sitzungen fertig zu werden. Also nehme ich noch den ganz kleinen Drucker in der Mitte des Ganges (Drucker C) in Gebrauch und schicke diesem die einzelnen Ausdrucke für den Big Boss zu, welcher die ganzen Präsentationen ungeheftet, dafür gelocht in einem kleinen weissen Ordner abgelegt vorfinden möchte. Langsam wird es Nachmittag und der Stapel wächst meiner Vorstellung nach viel zu langsam. Aber bestimmt kommt der Servicemann bald und ich erkundige mich beim IT-Mann nach Neuigkeiten. Er hat keine, wird aber versuchen, näheres zu erfahren. HP vertröstet uns auf etwas später, wann genau dieses Später stattfinden wird, können sie allerdings auch nicht sagen. Meiner Vorgesetzten versuche ich immer noch weiszumachen, dass noch viiiiiel Zeit verbleibt, bis zum Tag A. Sie möchte nämlich den Drucker im 14. Stock in Gebrauch nehmen (das wäre dann Drucker D) – welcher nun wirklich nicht uns gehört und wo wir sehr unerwünscht sind, wie die Erfahrung zeigte. Es müsste dort auch non-stop eine Person unserer Abteilung abgestellt werden, um die Druckerei zu überwachen, nicht weil wir dem Drucker nicht vertrauen, sondern weil die Dokumente vertraulich sind und die Leute im 14. Stock einer anderen Abteilung angehören. Nach Möglichkeit möchte ich das wirklich nicht nochmals erleben, deshalb meine höchst optimistische Meinung.

Es wird 17 Uhr und noch weit und breit kein Servicemann, was mich nun doch leicht verärgert, denn ich habe wirklich mit ihm und seiner Hilfe gerechnet. Langsam komme ich aber mit meiner Druckerei bis fast zur Hälfte und wenn dann am Dienstag Drucker A repariert wird, dann käme ich schneller vorwärts und es würde noch immer problemlos reichen. Um 18 Uhr verabschiede ich mich von Drucker B und C und wünsche Drucker A gute Besserung – und fahre nach Hause.

Die Begrüssung am Dienstag Morgen ist dieselbe: Drucker A sagt strahlend und mit leicht ironischem Ausdruck auf dem Display „Error“, Drucker B und C stehen bei Fuss und warten auf Eingaben. Ein Job wird sofort an B geschickt, dann den IT-Mann konsultiert mit der überaus dringenden Bitte, bei HP Druck zu machen, was er auch zu tun verspricht. Nach kurzer Zeit trifft er sogar ein, der Servicemann und er schaut sich das Gerät man genauer an, indem er Einzelteile auf die Erde legt, von denen ich nicht mal wusste, dass sie existieren. Er findet ein gewisses Etwas, welches überhitzt war und ersetzt werden muss, welches er aber leider nicht mit dabei habe und welches er wahrscheinlich sowieso erst bestellen müsse. „Nein“, jammere ich ihm ins Ohr, „das geht ganz und gar nicht – das Gerät ist neu und extra für diese Sitzungen bestellt worden und ich brauche dieses und meine Hand hat jetzt schon über 450 Bostichklammern in diesen Stapel Papier gehämmert und ich mag nicht mehr und überhaupt“. Eindruck hat ihm dies alles nicht wirklich gemacht, denn er setzte eines der gemeinen Lächeln ins Gesicht und sagte mir einem süffisanten Ton: „kein Problem, übermorgen kann ich das neue Teil schon einbauen“. ÜBERMORGEN, dann ist Sitzung angesagt und dann muss sich alles eingepackt um 7.30 Uhr auf dem Tisch im Sitzungszimmer befinden. Immerhin setzt er die Maschine wieder zusammen, kein einziges Teilchen hat er liegenlassen – und verabschiedet sich mit den Worten: „Sie können ja versuchen zu drucken, vielleicht geht es noch kurze Zeit bis er heiss hat“, er meinte wohl, bis Drucker A ins Schwitzen kommt und aufgibt.

Inzwischen ist schon Mittag und ich muss mich wohl oder übel geschlagen geben und meiner Vorgesetzten vorschlagen, den 14. Stock doch in Anspruch zu nehmen und uns dort unbeliebt zu machen. Ich schicke also die kurzen Dokumente zu Drucker B, die einzelnen zu Drucker C und die langen zu Drucker D und mich selber auf die Reise zwischen den diversen Geräten im 13. Stock – die anderen zwei Personen vom Team sollen sich im 14. im Viertelstundentakt beim Hüten abwechseln. Schon beim ersten Ausdruck beim Drucker D finden wir das nächste Problem: das Dokument hat 136 Seiten und auf den letzten 10 gibt es statt Grafiken nur noch schwarze Rahmen mit nichts drin. Die Kollegin kommt runter – ich stoppe den Druck – IT-Mann ruft HP an und die vergrössern die Kapazität irgendwie – ich bin froh, dass ich dies nicht verstehen muss und starte den Druck-Auftrag erneut und siehe da: Drucker D tut genau das, für was er zuständig ist: er druckt zu unserer Zufriedenheit!

Zwei Präsentationen sind noch ausstehend, die eine wird auf 16 Uhr versprochen, es wird dann zwar 17 Uhr und wir konnten anschliessend den ersten Sitzungstag in die Mappen verstauen und zum Transport am frühen Morgen bereitstellen. Die letzte Präsentation wurde auf Mittwoch Morgen angesagt, was nicht so schlimm war, denn die wird erst am Donnerstag benötigt. Am frühen Mittwoch Morgen kurz nach 11 Uhr wurde sie verschickt, gedruckt und verpackt und dies ist das Ende einer drucktechnischen Sitzungsvorbereitung. Kurz am Rande bemerkt: Drucker A konnte sich nicht einmal mehr zu einem freundlichen „Error“ durchringen, der sagt gar nichts mehr! Ich tu es ihm jetzt gleich, und schweige auch 😉

5 Gedanken zu „Drucker-Freuden“

  1. Struppy :mrgreen: soooo gut geschrieben….ich bin zwischenzeitlich mit Dir mitgelaufen…..von A nach B …und von C nach D…..aber das Drucker A jetzt gar nicht mehr mit Dir spricht das versteh ich nicht ….. 😆

    1. Struppy, so gut beschrieben! Ich habe mich mitgeärgert!
      Die Apparate fallen ja auch immer aus wenn es für unsere Arbeit dringend wird! Und da wir ja mehrheitlich das „letzte Glied“ in der Kette sind und in der Chefetage von all dem nichts bemerkt wird, muss „Frau“ wirklich die Nerven behalten. Wann werden endlich Drucker gebaut die keine Pannen haben?

  2. Dein Erzähltalent möchte ich auch haben liebe Struppy 😀 Wie Julchen bin ich auch mit dir hin- und hergelaufen 😉

    Ich wusste gar nicht, dass es solche Drucker gibt 🙄

  3. Vielen Dank für diese wunderbare Erzählung, liebe Struppy.
    Wunderbar für uns, natürlich für dich nicht wirklich, wenn ich mir den Stresslevel vorstelle, den diese für uns so amüsante Geschichte bei dir im Realen ausgelöst hat.
    Aber zum Glück konntest du bestimmt etwas davon nun beim Niederschreiben abbauen.
    Am besten gefällt mir der „leicht ironische Ausdruck“ von Drucker A mit dem er dir „Error“ sagt. :mrgreen:

  4. 🙂 Vielen Dank für die köstliche Beschreibung der Sportart „Druckermarathon“ !
    Liebe Struppy, hab mich köstlich amüsiert beim Lesen……und bin natürlich angemessen zerknirscht darüber das ich über deinen Stress lachen musste 😀 Bist aber selbst dran schuld, wenn du es so urkomisch erzählst. Liebe Grüße, Martina

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