Wartezimmererkenntnis

Neulich sass ich in einem Wartezimmer.
Während ich so vor mich hin wartete, gingen mir allerlei Fragen und Gedanken durch den Kopf, zB., weshalb man eigentlich nie einen Termin bekommt auf die Zeit, zu welcher der Termingeber tatsächlich Zeit für einen hat, sondern immer mindestens eine Viertelstunde früher. Aber vermutlich liegt das daran, dass die Einrichtung eines Wartezimmers dann eine sinnlose Investition wäre.

Vor allem würde dann auch niemand all die alten Zeitschriften lesen, die mehr oder weniger zerfleddert im Wartezimmer herumliegen.

Im Wartezimmer, von dem ich hier berichte, erstreckte sich das Spektrum der ausrangierten Druckerzeugnisse von Klatschheften, über Fachzeitschriften für Fischer, einigen Ausgaben des „Schweizer Soldaten“, bis zu populärwissenschaftlichen Heften der dubioseren Art. Und eins der Letzteren griff ich mir dann auch, da ich weder an Promigeschichten, Ködern, noch am Militär besonders interessiert bin, aber trotzdem IRGENDWAS lesen musste, um mich ein bisschen von den anderen Wartenden abzulenken, besser gesagt von den Geräuschen, die sie machten.
Da war nämlich ein alter Mann, der sein Gebiss in eine andere (bequemere?) Position schob, eine junge Frau mit einem MP3-Player, die sich irgendwelchen Techno-Schrott in den Gehörgang pustete, und ein Mann mittleren Alters, der rhythmisch mit dem Fuss auf den Boden klopfte. Allerdings in einem anderen Rhythmus als die Technoliebhaberin.

Ansonsten war der Raum sehr still, bis auf das Ticken der Uhr an der Wand, so dass diese Geräusche in meinen Ohren sehr laut und aufdringlich klangen – ihr kennt das sicher, das sind so Sachen, die einem rasend machen können.
Wie oft schon habe ich im Zug den Platz gewechselt, weil mein Gegenüber einen Apfel kaute? Oder neulich war da eine Frau, die mindestens sechs Plastiktüten dabei hatte, die sie umpackte, wobei sie den Inhalt der einen in die andere packte und die dann in eine andere steckte und eine dritte dazu usw. – das Geraschel schien ewig zu dauern und dann, als sie endlich fertig war, kam ihr etwas in den Sinn, das sie jetzt unbedingt brauchte und in der einen Plastiktüte ganz zu unterst steckte – es handelte sich dabei um eine kleine Plastiktüte mit Bonbons, jedes in ein raschelndes Papierchen verpackt. Nachdem sie das dritte ausgewickelt und LAUT gelutscht hatte, durfte ich endlich aussteigen. Zum Glück bevor ich die Beherrschung verlor und irgendetwas Bizarres und Verbotenes mit den Bonbons der Frau gemacht hätte.

Ich blätterte also in der Zeitschrift und stiess auf einen Artikel, in dem eine psychische Störung namens Hyperakusis und Phonophobie beschrieben wurde.
Menschen, die darunter leiden, haben eine gesteigerte Sensibilität für leise Geräusche, wie zB. Rascheln, Essgeräusche bei anderen Personen usw. – ooookey….

Das ist jetzt aber doch keine Störung, das haben doch alle, oder nicht?

Das geht doch allen so, dass sie durch solche Geräusche genervt werden, sie sind vielleicht einfach ein bisschen cooler und toleranter in dieser Hinsicht?
Aber der Artikel sagte etwas ganz anderes, der stellte mich dar, als sei ich irgendwie besonders seltsam und so – ich nahm es persönlich und fand es gemein.

Der Mann mit dem Gebiss gab einen lauten Schmatzer von sich.
Die anderen Anwesenden verzogen keine Miene. Klar, die Technolady hörte vermutlich eh nichts und der fussklopfende Mann machte ja selber auch genug Lärm.
Trotzdem gab mir die Sache nun doch etwas zu denken.

Später erzählte ich dann meinem Sohn davon und er hob nur eine Augenbraue und meinte: „Ja, DAS ist aber doch keine neue Erkenntnis, oder?“
Ich fragte nicht, ob er die Existenz einer solchen Störung meinte, oder die Tatsache, dass ich davon betroffen sei und zog es vor, die Sache nicht weiter zu vertiefen.
Ich könnte ja deshalb mal zum Psychiater gehen.

Aber ich fürchte mich davor, was ich in seinem Wartezimmer NOCH über mich herausfinden könnte.
:mrgreen:

7 Gedanken zu „Wartezimmererkenntnis“

  1. Liebe Esther,
    wenn du weiterhin all deine hyperakustischen Erlebnisse so genial in Texte umsetzt, würde ich dir von einem Besuch beim Psychiater abraten 🙂
    Liebe Grüße, Martina

  2. Danke liebi Esther, bei dir lernt frau immer etwas: jetzt weiss ich auch, wissenschftlich bewiesen, dass ich eine psychische Störung namens Hyperakusis und Phonophobie habe, was nerven mich die Billigohrstöpseln, aus denen im Tram/Bus bum-bum-bum tönt, so ein tick-tack-Wecker besitze ich schon lange nicht mehr… aber so schön, wie du das beschreiben kannst, kann ich eben meine Störungsempfinden nicht… apropos… mit meiner Störung kann ich auch ohne Psychiater gut leben….

  3. Liebe Esther
    Vielen Dank für deinen wunderbar geschriebenen Text – und bitte nicht vergessen: wenn du deswegen zum Psychiater gehst, dann nimm mich unbedingt mit. Ich leide sowas von – mein Kollegin isst Mandeln und Nüsse und das immer und immer wieder und irgendwann schreie ich!!!
    Das war jetzt aber eine Wohltat, deinen Beitrag zu lesen!
    Liebe Grüsse von deiner Namensvetterin und Mitleiderin

  4. Liebe Esther,
    das ist eine sehr gelungene Satire. Erinnert mich ein wenig an Ephraim Kishon und genau so gut! Bitte liefere noch weitere dieser Art!

    Liebe Grüße von Clara

  5. Liebe Esther,

    Dein Beitrag ist eine wahre Freude!

    Also ich bin sicher dass Du keinen Psychiater brauchst. In dieser lauten Welt ist es ist es auch für mich manchmal schwierig meine Ruhe zu finden obwohl ich seit meinem 2. Lebensjahr nur noch MONO höre.

    Vielen Dank dass Du Deine Impressionen mit uns teilst. Ich bin jederzeit „Abnehmerin“ von Deinen Erzählungen.

    Es Grüessli
    Ambre

  6. Danke dass du dein Wartezimmer-Erlebnis mit uns teilst liebe Esther. Ich werde beim nächsten Arztbesuch sicher daran denken 😀

    Lg halliwell

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