Das Jüngste Gericht (Leseprobe)

Liebe Blog-Förmchen,

wie mir scheint, herrscht in der Umfrage zu meinem zweiten Machwerk ein deutlicher Trend vor.  🙂
So will ich Euch mal eine Leseprobe reinstellen, und wenn die Umfrage am Mittwoch Abend immer noch positiv steht, dann stelle ich hier sinnvollerweise einfach die komplette WORD-Datei rein. Denn diesen langen Text als Fortsetzungsroman zu bringen, erscheint mir ungünstig.
So könnt Ihr Euch bei Bedarf den Text ausdrucken und später „normal“ lesen, jeweils wenn Ihr Zeit und Lust habt…
Nochmals: Der Text ist aus meiner zukunftspessimistischen Zeit, und bezüglich seines apokalyptischen „Aufhängers“ gefällt er mir nicht mehr. Aber sonst schon…

Also denne:

Das Jüngste Gericht
(Eine Spekulation)

Prolog

Der Mann öffnete mühsam seine geschwollenen, schmerzenden Augenlider und blickte unter dem zerfressenen Dach seiner Wellblechhütte hervor ins Freie. Die Sonne ging gerade auf, und ihr Licht wurde von dem grünen Dunst draußen zu einem eigenartigen bläulichen Schein gebrochen.
Der Mann war alt und konnte sich erinnern, wie die Sonne einst ausgesehen hatte, als man noch die Illusion hegte, „alles werde schon nicht so schlimmm“ und „nichts werde so heiß gegessen, wie es gekocht wird“. Nun aber war es unbeschreiblich schlimm gekommen, und es war sehr heiß, gelegentlich auch heißer, als man kocht. Soweit das für den Mann nachprüfbar war, gab es in dem ehemals dicht bevölkerten Land keine Menschen mehr. Er war früher Wissenschaftler gewesen, genauer gesagt Physiker und Systemtheoretiker. So hatte er es bisher verstanden, sich immer mit etwas Elektroenergie zu versorgen und wußte daher auch, daß es auf dem gesamten Radiowellenspektrum schon seit drei Jahren keine menschlichen Signale mehr gab.
Der Mann glaubte an den Christengott und hatte aus Angst um sein Seelenheil dem immer drängender werdenden Suizidwunsch widerstanden, denn man hatte ihm schon als Kind eingebleut, welche Todsünde ein Selbstmord sei. „Das Leben ist von GOtt gegeben und kann nur von IHm genommen werden“ so oder ähnlich hatte die freundliche Botschaft gelautet. Und wer wußte schon, ob nicht bereits der Wunsch nach Selbstmord eine Todsünde war? Schließlich konnte „GOtt in die Herzen sehen“! Es gab längst keine Kirche mehr, und doch schienen ihre unmenschlichen Lehren unausrottbar zu sein.
Der Mann stand schwerfällig auf, möglichst ohne sich auf seine mit Geschwüren bedeckten Hände zu stützen. Er mußte heute unbedingt versuchen, Wasser zu finden, „koste es, was es wolle“, dachte er mit grimmiger Ironie. Was konnte ihm schließlich noch genommen werden, außer seinem bißchen Leben? So sollte es lieber ein schneller Tod in der gefährlichen Müllwelt hinter den Hügeln sein, als ein langsames Verdursten. Natürlich war er sich klar darüber, daß er jetzt versuchte, GOtt zu überlisten, ihm einen de-facto-Suizid als unvermeidlichen Unfall „unterzuschieben“. Der Mann hatte aber nicht die Kraft, sich vom HErrn totquälen zu lassen, so langsam es diesem eben beliebte. Und: Hatte man es ein Leben lang auf dieser Erde ausgehalten, waren selbst die allfälligen Höllenqualen kaum noch furchteinflößend.
Der Mann nahm einen Plastikkanister zur Hand und begann seinen Marsch in die Müllwelt. Dort, so wußte er, waren früher die Trinkwasserbrunnen der Stadt gewesen. Er hoffte, auf irgendeine Weise an tiefgelegenes, also vielleicht relativ sauberes Wasser zu gelangen. In der Nähe seiner Hütte war ein alter Gartenbrunnen, der ihn wie durch ein Wunder bisher versorgt hatte. Dieser Brunnen war gestern versiegt, sodaß der Mann nun gezwungen war, sich auf den Weg in den Müll zu machen. Er marschierte in der sengenden Hitze und ätzenden Luft sehr langsam, sodaß er erst am späten Nachmittag in der Müllwelt anlangte. Hier war die Hölle auf Erden verwirklicht. Berge von stinkenden und tödlich giftigen Abfällen aller Art absorbierten das Sonnenlicht so stark, daß überall Brände loderten, die durch Selbstentzündung von Faulgasen und anderen brennbaren Substanzen entstanden waren. Höhere Lebewesen waren nicht zu sehen, sehr wahrscheinlich gab es überhaupt keine.
Der Mann suchte gezielt nach den niedrigen Betonaufbauten, mit denen die tiefen Brunnen gewöhnlich gesichert waren. Nach einiger Zeit wurde er fündig. Er ging daran, die schwere Stahlklappe auf einem der Brunnenköpfe zu öffnen. Als es ihm schließlich mit Hilfe eines Hebels gelang, die glühendheiße Klappe anzuheben, schoß aus dem Brunnenkopf ein siedender Strahl überhitzter, ätzender Flüssigkeit und traf ihn frontal. Sein Körper zerfiel sofort…

1. Kapitel

Der Mann kam langsam zu sich und fühlte sich zum erstenmal seit Jahren schmerzfrei. Nach einigem tastenden Umsehen fand er sich offenbar über der Müllwelt schwebend, in der er zuvor Wasser gesucht hatte. Sehr überrascht sah er direkt unter sich einen Körper liegen, der anhand der Kleidung als der seine erkennbar war. Ehe der Mann noch Zeit hatte, über dieses seltsame Bild genau nachzudenken, fing er unabhängig von seinem Willen an, sehr schnell zu steigen. Es riß ihn in einen senkrechten dunklen Kamin, der eigenartigerweise hinter ihm in eine bläuliche Gestaltlosigkeit zu zerfallen schien. Er hatte das intensive Gefühl, daß unmittelbar hinter seinem hochschießenden Leib ein NICHTS entstand. Ohne daß er sich hatte fassen können, stand der Mann plötzlich in einem großen, hellen Raum, der erfüllt war mit Musik und anscheinend glücklich umherwandelnden Menschen aller Altersgruppen, Geschlechter und Hautfarben. Sofort überkam ihn ein wohliges Gefühl der Geborgenheit, das er jedoch wegen seiner erworbenen Skepsis unterdrückte, um vernünftig denken zu können.
Bald wurde ihm klar, was er gerade erlebte. Menschen, die nach dem klinischen Tod wiederbelebt worden waren, hatten häufig den Anblick einer Welt beschrieben, die möglicherweise als eine Art von „Jenseits“ betrachtet werden konnte. Fast alle Merkmale und Vorgänge, die in der Literatur beschrieben worden waren, hatte er auf den ersten Blick getreulich wiedererkannt. Viele hatten geglaubt, aus diesen Berichten die Existenz eines wahrhaftigen Paradieses ableiten zu können. Das war insbesondere durch die außerordentlich freundliche Begrüßung und den Zuspruch gestützt worden, den die Patienten in jenen Gefilden erfahren hatten. Viele hatten genau das gesehen, was in den heiligen Büchern an Bildern des Paradieses geboten wird. Dieser Fakt hatte den Mann immer mißtrauisch gemacht, aber er mußte nun erkennen, daß die Inhalte der Schriften offenbar an der hier vorhandenen Wirklichkeit orientiert waren.
Mit solchen Gedanken befaßt, nahm er erst sehr spät wahr, wie die schöne Empfangshalle sich von der Eintrittstür her in das nämliche bläuliche NICHTS auflöste, das ihm beim Aufstieg hinterhergeeilt war. Der Mann floh in die entgegengesetzte Richtung, wo ebenfalls eine Art Tür zu erkennen war. Flüchtige Verwunderung, warum es hier überhaupt eine Tür gab, durchzuckte ihn gerade, da ergriff eine Hand die seine. Sie kam „ganz nach Geisterart“ aus der Wand und zog ihn durch diese hindurch. Kurz danach löste sich die gesamte „Empfangshalle“ mitsamt den wandelnden Menschen im NICHTS auf.
Die Hand, die den Mann gezogen hatte, gehörte zu einem Wesen von vager menschlicher Gestalt, das ihn nun sehr schnell und ohne Worte durch eine kaum beschreibbare Umwelt führte. Diese Umgebung hatte mit der Erde oder auch mit der zuvor gesehenen „Empfangshalle“ nicht die geringste Ähnlichkeit. Der Anblick, der sich bot, ließ ihm das Wort „ätherisch“ einfallen, ohne daß er konkret hätte sagen können, warum. Der Raum hatte hier offenbar keine klar sichtbaren Strukturen oder geometrischen Formen. Bereiche verschiedener Helligkeit und Farbe gingen naht- und kantenlos ineinander über, sodaß eine Orientierung unmöglich war. Man befand sich wie in einer Art Nebel, der aber andererseits eine außerordentliche Transparenz zu haben schien. Dem frisch Verstorbenen kam der Gedanke, dieses Phänomen einen „lichten Nebel“ zu nennen. Ohne seinen „Führer“ hätte ihn hier eine große Angst befallen, dessen war er sicher.
Als der „Führer“ endlich innehielt, blickte der Tote ihn erwartungsvoll an und fragte natürlich:
„Wer bist du?“
Als er diesen Satz sagte, bemerkte der Mann sofort, daß das Gefühl der sich bewegenden Lippen beim Sprechen völlig fehlte. Auch das Empfinden für seinen übrigen Körper war verschwunden. Er war abgeklärt genug, sich zu sagen, daß dies angesichts des Todes logisch erschien. Welcher Art seine gegenwärtige Existenz jedoch war, konnte er nicht einmal vermuten. Auf die Frage des toten Mannes hin bewegte sich der „Führer“ leicht, jener konnte aber nicht feststellen, ob er von dem Anderen angesehen wurde, da nichts erkennbar war, das an Augen erinnerte. Der „Führer“ antwortete nun:
„Ich bin einer wie du, nur schon sehr viel länger, obwohl der Zeitbegriff und damit auch das Wort ‘länger’ hier eine für Menschen schwer vorstellbare Bedeutung hat.“ Er fuhr fort: „Du hast gewiß sehr viele Fragen, die ich dir so gut wie möglich beantworten werde. Außerdem habe ich dich mit vielem vertraut zu machen, von dessen Dasein lebende Menschen nicht die geringste Vorstellung haben konnten. Ich bitte aber vor allem, mich und nur mich als deinen Freund und Vertrauten zu betrachten. Offenbare niemals deine derzeitige Existenzform, es sei denn, ich empfehle es dir. Damit du dazu in der Lage bist, muß ich dir zuallererst Methoden zeigen, um zweierlei zu tun: Erstens, dich unsichtbar in dem hier zutreffenden Sinn zu machen, zweitens deine Gedanken vor anderen zu verbergen. Das Verbergen von Gedanken ist hier für uns eigentlich unmöglich und auch nicht ‘vorgesehen’. Warum wir es trotzdem tun, werde ich dir später erklären. Du mußt aber beides sofort lernen.
Wir machen es, indem ich mich mit dir in gewisser Weise zusammenschalte oder auch vereine und dir die notwendigen Informationen und Verhaltensmuster integriere. Dieser Vorgang ist additiv, das heißt, die neuen Informationen werden dir eingeprägt, ohne deine übrige Struktur zu ändern.“
Der tote Mann war von diesen Sätzen völlig verwirrt und wollte sich gegen die angekündigte Manipulation wehren, doch der „Freund“ hatte die Verschmelzung blitzschnell realisiert und war nun bei der Verwirklichung seiner Absicht nicht mehr aufzuhalten. Das Bewußtsein des toten Mannes war während der Operation inaktiv, sodaß er danach glaubte, sich noch immer wehren zu können. Gerade wollte er zur Widerrede ansetzen, da fühlte er in sich eine subtile Veränderung, die ihm sofort klarmachte, daß die „Implantation“ bereits vollzogen war. Da er andererseits sich selbst unbeschädigt fand, faßte der Mann langsam Vertrauen zu dem „Freund“. Er erforschte seinen neuen Teil (merkwürdigerweise war soetwas jetzt sehr einfach) und erkannte unmittelbar, welchen inneren Zustand er zu erzeugen hatte, um sowohl unsichtbar, als auch gedanklich ein „schwarzes Loch“ für andere zu sein. Sogleich probierte er die neuen Möglichkeiten aus und hörte den „Freund“ zustimmend sagen:
„Ausgezeichnet, bitte verzeih’ die Überrumpelung, aber wir hatten keine Zeit für die langen Erklärungen, die ich dir hätte geben müssen, um dein Mißtrauen zu überwinden. Folge mir nun, ich will dir jetzt gerne Rede und Antwort stehen.“

 

3 Gedanken zu „Das Jüngste Gericht (Leseprobe)“

  1. Hallo Pi, jetzt wo’s interessant wird, hörst du einfach auf…
    Ich will mehr davon lesen, bitte.
    Liebe Grüsse, Struppy

  2. Lieber Pi, mich genauso.
    3 Papierblätter sind ausgedruckt. Das 4. wartet auf die Druckerschwärze…

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