„Komisch“ heitere Episode aus dem Heimalltag

„Gott sei Dank, nun ist wieder EINER geschafft“.
So tönt es jeweils bei vier Heimbewohnerinnen nach dem Abendessen. EINER – das ist EIN Tag mehr in ihren zusammen 368 Lebensjahren.

Allabendlich sitzen die vier Frauen in Reih und Glied auf immer demselben Stuhl! Auf „IHREM“ Stuhl – wohlbemerkt – obwohl er der Allgemeinheit dient. Doch niemand wagt einen „Stuhlseitensprung“. Das gehört sich nicht!
Man fühlt sich verbunden, kennt seinen Stuhl, obwohl die alle gleich aussehen und weder gekennzeichnet sind noch sonst irgendwelch verdächtige Spuren aufweisen…;)
Es wäre doch gelacht…im Alter noch neue „Mödeli“ einführen? Jeden Abend anders sitzen? Mal ein Stuhl mehr rechts, mal einer mehr links? Nein, um Himmels Willen, jaaa keine grossen Veränderungen! Jaa nix Neues mehr „anpacken“, obwohl es IHR Geist durchaus noch erlauben täte.

Es wird kaum gesprochen, dafür umso mehr beobachtet. Man sitzt schliesslich in der ersten Reihe. Hat den vollen Überblick und ALLES unter Kontrolle! ALLES?
Nicht ganz, der 5. Stuhl ist nur kurz besetzt! Frau A. hält es heute nicht lange aus…zu fremd fühlt sie sich in dieser Runde…in dieser Welt…lange stillsitzen…das schafft sie nicht! Viel lieber ist sie unterwegs, von einem unbändigen Bewegungsdrang getrieben läuft sie wieder los. Und sie ist jeweils schnell, sehr schnell sogar. In welche Richtung sie wohl gegangen ist?
Ach, das interessiert die Vier nicht im Geringsten! Warum sollte es auch, diese Frau A….die „Komische“…? „Soll sie doch…benimmt sich doch eh komisch…“ stellt Frau B. voller Überzeugung fest und erntet nur Lob ob ihrer Aussage.“Nein, mit solch komischen Leuten wollen wir nix zu tun haben!“

Doch wo ist Frau A. bloss hin? Die vier Stuhlbesetzer haben nix gesehen, nix gehört und gesagt ist am heutigen Abend sowieso schon alles Zunge !

Okeei, dann fangen wir mal mit der Suche an. Das Haus verlassen hat sie nicht, die Bewegungsmelder bleiben stumm. Jedes Zimmer wird kontrolliert…hier nix, da nix…Frau X. schaut fern…Herr Z. schnarcht im Sessel…Frau P. sucht krampfhaft die Brille welche sich auf ihrer Nase befindet…Frau R. bereitet sich schon wieder auf’s Frühstück vor, derweil sich ihre Zimmernachbarin weinend beklagt warum sie denn ausgerechnet heute, wo sie doch extra beim Frisör war, kein Besuch gekriegt habe.

Auf ins nächste Zimmer…aha, der Ferrari, genannt Rollator, von Frau A….daas ist ja schon mal etwas…Ach ne, da schläft Frau B. im gehäckelten, von ihrer Mutter geerbten Nachthemd, welches sie nur immer zu ganz besonderen Gelegenheiten getragen hat und dies nur desshalb noch immer so frisch aussieht und wohl manch intimes Geheimnis in sich verborgen hält ;) .
Aber irgendwas ist nicht wie sonst…seit wann hat Frau B. sooo weisse Haare? Und wesshalb liegen da ungewohnterweise Zähne auf dem Nachttischli und grinsen so hämisch? Und warum liegt Frau B. da im Bett wo sie doch vorne sitzt und IHREN Stuhl verteidigen muss?
Aha…dacht ich’s doch…zwei neugierige Äuglein blinzeln mich verschmitzt an…es ist Frau A., zugedeckt bis über beide Ohren. Sie hat ganze Arbeit geleistet! In Vollmontur liegt sie da und hat es geschafft sich das Nachthemd ÜBER ihre Tageskleider zu stülpen…und daas erst noch verkehrt herum – wohlverstanden!

Und sie scheint glücklich zu sein. Strahlt mich mit verschmiertem, braunem Mund an und deutet auf das ebenso verschmierte Nachthemd und Kopfkissen hin.
Derweil ihre Finger immer länger werden um sich noch ein weiteres Stück Schokolade auf dem fremden Nachttischli zu schnappen.

Ist es NUR Zufall, dass sich Frau A. ausgerechnet in’s Bett von Frau B. gelegt hat? Komisch, nicht wahr?

PS: Ich will mich keineswegs über Alzheimerkranke „lustig“ machen, sondern lediglich zeigen, dass solche Menschen ausserordentlich sensible und feinfühlige Wesen sind und genauso geachtet, respektiert und wahrgenommen werden wollen!

10 Gedanken zu „„Komisch“ heitere Episode aus dem Heimalltag“

  1. Ja genau das denke ich auch sehr oft….wie sind wir wenn wir denn mal so alt werden solten…..

    Aber die Geschichte ist wirklich schön….ich glaube Deine Arbeit wird nie langweilig liebe Fortuna….. 😎

  2. Liebe Fortuna, deine Geschichte hat mich berührt. Vor allem, weil dein Respekt und das Verständnis für diese Menschen sehr gut spürbar wird. Danke!

  3. Liebe Fortuna,

    ein sehr schöne, rührende Geschichte hast Du geschrieben, vielen Dank!

    Aber ich muss gestehen, sie hat mich auch bedrückt.
    Wegen der Vorstellung, dass es auch mir einmal so ergehen könnte… (wobei unklar bleibt, wovor mier mehr gruselt: Typ „Dame A“ oder Typ „Damen B…“)
    Man sagt ja: „Egal, wie schlimm das Leben ist, es ist Leben – festhalten! “
    Aber ehrlich gesagt: Eine solche Art „Lebensrest“ wil ich nicht. Dann lieber gleich weg.

    Dein nachdenklicher Pi…

  4. Liebe Fortuna,
    deine Erzählung hat auch mich sehr berührt. Ja, es stimmt schon das man sich zunehmend Gedanken darüber macht, ob man im Alter auch selbst einmal derart „durch den Wind“ sein wird. Wer weiss das schon? Dein PS liebe Fortuna trifft die Sache auf den Punkt. Bei Demenzerkrankten funktioniert das Gedächtnis nicht mehr. Mit der Zeit geht immer mehr Erinnerung verloren und selbst die einfachsten Handlungen des Alltags können irgendwann nicht mehr nachvollzogen werde. Aber die Gefühle sind noch da. Man könnte sagen, sie sind das Einzige was den Betroffenen bleibt. Heutzutage gibt es einige, wie ich finde, gute Ansätze mehr Lebensqualität für diese Menschen zu schaffen. Und ich hoffe, dass die Entwicklung in dieser Richtung weitergeht. Dann muss es keinesfalls ein nicht lebenswerter „Lebensrest“ für Alzheimerpatienten sein.
    Liebe Grüsse, Martina

  5. Fortuna, da kommt mir gleich meine Grosstante in den Sinn, die mit 99 3/4 Jahren gestorben ist. Sie war bis die letzten paar Wochen klar im Kopf. Als ich sie einmal besuchte, erklärte sie mir, dass, bevor sie das Zimmer verlässt, sie das Bett in die höchst mögliche Höhe rauffährt, um zu verhindern, dass Leute, die ihr richtiges Zimmer verfehlen, sich in ihr Bett legen….
    Da habe ich mir auch hin und wieder Gedanken gemacht. Vor allem der Verlust der Privatsphäre würde mir zu schaffen machen. Ein Mann von der Putzequipe kam zur Tür rein, ohne anzuklopfen…
    Ich sehe es an meiner Mutter, die wehrt sich auch tapfer gegen das Altersheim. Mit Hilfe der Spitex und meines Bruders geht es im Moment gut.
    Gruss, Lara

  6. Danke Fortuna für deine Gedanken.
    Für diese Geschichte.
    Altwerden ist keine einfach Sache.
    en herzliche Gruess

  7. Liebe Fortuna, vielen Dank für diese toll geschriebene Geschichte über einen Altersheim-Abend. Ich kann mir gut vorstellen, wie Frau A am Schluss verschmitzt gelächelt hat, als sie entdeckt wurde – ihr hat es bestimmt Riesenspass gemacht! Andererseits gibt es auch mir zu denken, wie es wird, wenn ich ins gewisse Alter komme? Warten wir’s ab…

    1. Herzlichen Dank, liebe Fortuna, für diese anrührende Geschichte! Gut, dass wir nicht in die Zukunft blicken können, so dass uns die Hoffnung bleibt, nicht das Schicksal der Demenz zu erleiden – auch wenn wir dann ja um unseren Zustand nicht wissen.
      Schön aber, wenn Pflegebedürftige liebevolle Betreuung erfahren, wie man Deiner Geschichte entnehmen kann!
      Lieben Gruß, Clara

  8. Danke für euer Echo. Ich hoffe euch nicht allzu sehr aufgewühlt zu haben…

    Die Menschen werden dank moderner Medizin immer älter und damit steigt automatisch das Risiko an Alzheimer zu erkranken. Auch ich frag mich manchmal wie das wohl bei mir mal sein wird…
    Wie Martina bereits erwähnt hat wird hinsichtlich Lebensqualität dieser Leute viel unternommen, damit auch sie in Würde alt werden können.

    Lara, daheim in den eigenen 4 Wänden zu sein ist natürlich was vom Schönsten. Und dass dein Bruder deine Mutter unterstützt find ich grossartig!
    Für viele ist es jedoch, je nach Pflegeaufwand und Betreuung, auf Dauer eine (zu) grosse Belastung. Auch ist es nicht jedermanns Sache, seine eigenen Eltern zu pflegen! Da darf man sich nicht scheuen, zusätzlich Hilfe anzufordern, sei das z.B. ein vorübergehendes Ferienbett in einem Heim oder tageweise „Fremdbetreuung“. Oder eben, wenn’s gar nicht mehr geht, einen Übertritt ins Heim. Dabei braucht man auch kein schlechtes Gewissen zu haben!
    Das ist jetzt nicht auf deine Mutter bezogen, sondern generell.

    Die heutigen Heime dürfen keinesfalls mehr mit früher verglichen werden. Es hat sich in den letzten Jahren soo vieles zum Positiven verändert!
    Aber damit verschon ich euch…

    Und nun…denkt nicht zu sehr an Morgen, geniesst das „hier und jetzt“!

    Liebe Grüsse

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