Sollbruchstelle

Es kommt manchmal vor, dass man am Morgen erwacht und eine Melodie im Ohr hat, oder ein Bild ist vom letzten Traum hinter den Augen hängen geblieben, oder ein Geschmack liegt noch schwer vom Schlaf auf der Zunge – na gut, das ist dann nicht so angenehm, aber der Vollständigkeit halber musste ich es trotzdem erwähnen.
In etwas selteneren Fällen wache ich mit einem Wort auf. Es steht in dicken Lettern an der Grenze zwischen Traum und Tag, ein einziges Wort. Ich öffne die Augen und da ploppt es auf, wie diese lästigen Pop-ups im Internet und unwillkürlich tastet die Hand im Bett nach der Maus und der Blick gleitet nach rechts oben um dieses Kreuzchen zu finden, mit dem ich das Ding wieder los werde.  Geht nicht. Keine Maus, kein Kreuzchen, das Wort bleibt. Bleibt, bis ich es lese, auch wenn es kein Wort ist, mit dem ich mich um diese Zeit befassen möchte. Sollbruchstelle.

Wie bitte? Ich blinzle zwei mal kräftig und das Wort ploppt weg. Na also. Jetzt einfach nicht mehr daran denken. Ich meine, was bitte soll denn dieses dämliche Wort? Dieses Wort existiert in meinem Wortschatz überhaupt nicht. Dieses Sollbruchstellending… Mist. Jetzt ist es doch passiert, das Wort bleibt in meinem Bewusstsein kleben. Und ich kenne das bereits, je weniger ich daran denken möchte, desto mehr MUSS ich daran denken. Beim Kaffeekochen, beim Zähneputzen, ich nehme die Sollbruchstelle mit auf meinen Spaziergang und als ich mich danach an meinen Arbeitstisch setze, sehe ich sie sogar materialisiert an der Klinge meines Papiermessers.

Da gebe ich mich geschlagen und lasse das Nachdenken darüber zu, vielleicht bringt die ungeteilte Aufmerksamkeit für dieses Wort es ja besser zum Verschwinden, als meine Ignoranz.

Also, zuerst mal eine Definition. Die finde ich bei Wiki und sie lautet:

Eine Sollbruchstelle ist ein durch konstruktive oder mechanische bzw. physikalische Maßnahmen oder Auslegungen vorgesehenes Konstruktionselement. Im Schadens- oder Überlastfall wird dieses Element gezielt und vorhersagbar versagen, um hierdurch den möglichen Schaden in einem Gesamtsystem klein zu halten oder eine besondere Funktion zu erreichen.

Ok. Reicht das schon?
Plopp! Sollbruchstelle!
Na gut, dann eben nicht.
Wer denkt sich überhaupt so etwas aus? Ich meine, wenn ich etwas konstruiere, dann möchte ich doch, dass es heil bleibt, oder nicht? Dann mache ich es so, dass es hält und nicht gleich überlastet wird und unvorhersagbar versagt, so dass ich eine Sicherung einbauen muss, damit es vorhersagbar versagt. Wenn ich so wenig überzeugt von meinen eigenen Fähigkeiten bin, dass ich das Versagen vorhersage und statt es ordentlich zu machen, etwas vorhersagbar Versagendes brauche, damit mir das ganze Ding nicht um die Ohren fliegt, sollte ich vielleicht lieber etwas anderes machen, wofür ich mehr Talent habe.

So. Kann ich jetzt BITTE an etwas anderes denken?
Plopp! Sollbruchstelle!
Man kann das Ganze natürlich auch weniger materialistisch oder mechanisch sehen.

Hat Treue eine Sollbruchstelle? Hat ein Versprechen eine Sollbruchstelle? Hat ein Herz eine Sollbruchstelle? Hat alles, was gebrochen werden kann, eine Sollbruchstelle? Und wo ist die?
Die Bestrebung, den Schaden im Überlastungsfall möglichst gering zu halten, wäre ja auch in diesen Fällen durchaus sinnvoll. „Schatz, du hast mir zwar das Herz gebrochen, aber da es an der Sollbruchstelle entzwei gegangen ist, lässt sich das leicht reparieren!“
Oder: „Du bist sooo gemein, dass du dein Versprechen gebrochen hast!“ „Ach sei doch nicht so, das war doch nur die Sollbruchstelle!“ „Tatsächlich? Na, dann geht es ja noch…“

Schliesslich mache ich noch einen kurzen Abstecher zu Flora und Fauna. Ich denke an Eidechsenschwänze, die dank Sollbruchstelle Leben retten können und an Bruchweiden, die sogar Sollbruchstellen benutzen, um sich zu vermehren.

Über diesen versöhnlichen Gedanken ist es schliesslich Nachmittag geworden und ich mache mich auf den Weg zu meiner ausserhäuslichen Arbeit. Die Sollbruchstellen lassen mich in Ruhe, nun, da ich ihnen den nötigen Tribut gezollt habe. Nur kurz ploppt das Wort noch einmal im Zug auf, als mein Blick auf den kleinen Hammer fällt, mit dem man im Notfall die Fensterscheibe einschlägt. Aber ich nehme es mit grosser innerer Ruhe.

Im Bus setzt sich eine ältere Dame neben mich. Sie starrt mich von der Seite her an, ohne mich zu sehen. Sie wippt leicht vor und zurück auf ihrem Sitz und ihre Lippen formen unhörbare Worte. Dann blickt sie nach vorne, ich spüre, wie ihr ganzer Körper verkrampft neben mir. Und ganz plötzlich beginnt sie, einen lauten Wortschwall herauszustossen, sie gestikuliert und redet auf jemanden ein, den nur sie selbst sehen kann. Die Leute im Bus drehen sich um und schütteln den Kopf, einige schauen betreten weg. Dann ist es so schnell vorbei, wie es gekommen ist. Die Frau verstummt, entspannt sich, seufzt erleichtert. Sie wendet sich mir zu und lächelt mich an.
Sollbruchstelle, denke ich und lächle zurück.

8 Gedanken zu „Sollbruchstelle“

  1. 😀 😀 😀 ESTHER! Was habe ich jetzt gelacht!!!
    Dein Text ist soowas von GENIAL, – und ohne jegliche Sollbruchstelle!
    Jetzt hätte ich Dir aber noch einen Tipp, falls Dich dieses unsäglich wichtige Wort wieder einmal belästigen sollte: dann stopf Dir ein grosses Stück Schokolade in den Mund – das Du natürlich an der Sollbruchstelle brichst! Dann schwelgst Du soo in süssen Gedanken, dass für das Wort kein Platz mehr ist! 😀
    DANKE!
    und liebe Gruess
    Zwirbel

  2. Liebe Esther

    Das ist wieder ein wunderbarer Text von dir! EIN Wort am frühen Morgen (und was für eines ;-)) und so vieles das darüber gesagt werden kann. Und wie du das getan hast – einfach toll! Vielen Dank für diesen Artikel und einen schönen sollbruchfreien Tag wünsche ich dir 🙂
    Struppy

  3. Liebe Esther…..Du arbeitest definitiv zu viel……. 🙂
    denn es gibt sogar einen Film über Sollbruchstelle …es ist ein Film über die emotionale Kraft von Arbeit…..aber Dein Text ist mal wieder unübertrefflich…..ganz grosse Klasse….. 😀

  4. Liebe Esther,
    ich danke dir für den wundervollen Text. Weisst du, ich habe ihn zunächst gelesen und er hat mir ein Lächlen ins Gesicht gezaubert. Und dann bin ich „hineingewandert“ in deinen Text…ja und nochmal ja, man kann deine Texte betreten wie einen Raum…und ich bin um Sätze und einzelne Wörter herumgewandert, habe sie bewundert und mich an ihnen erfreut und bin mit einem guten Gefühl wieder herausgekommen. Für mich hat, dank dir, das Wort Sollbruchstelle eine besondere Bedeutung bekommen. Danke
    Herzliche Grüße, Martina

  5. Das war jetzt das was ich gebraucht habe!
    Super Esther!
    Das macht jetzt Spass am Morgen die Tabletten an der Sollbruchstelle zu knicken!
    Traudel

  6. Danke euch allen für eure positiven Kommentare! Ich habe mich sehr darüber gefreut!
    An Schokolade und Tabletten hatte ich ehrlich gesagt gar nicht gedacht – und dass es einen Film mit diesem Namen gibt, habe ich auch erst gesehen, als ich nach Sollbruchstelle gegoogelt habe. Dafür ist mir noch in den Sinn gekommen, dass jemand jemand anderem einmal einen so genannten Eierschalensollbruchstellenverursacher geschenkt hat, als ich dabei war. Damit kann man Eier öffnen. 😉 Und die Person, die den Eierschalensollbruchstellenverursacher entworfen hat, wäre dann der Eierschalensollbruchstellenverursacherkonstruktionszeichner. Aber dieses Wort wäre definitiv zu gross, um es den ganzen Tag mit sich herumzutragen. :mrgreen:
    liebe Grüsse
    Esther

  7. Eierschalensollbruchstellenverursacher – ach liebi Esther, was bist du für eine wunderbare Geschichtenerzählerin!
    Das tat jetzt enorm wohl, deine ‚traumhafte‘ Erzählung zu lesen.
    En herzliche Gruess und es riesigs Dankä derfür vo dim Eidächsli

  8. Oh mann, warum geht mir das Wort jetzt nicht mehr aus dem Kopp ?
    Soll ich Dir jetzt danken liebe Esther für das „Plopp“ ??

    Klasse Esther, mein Tag ist gerettet, so eine aufwühlende Gedankengeschichte.
    Ich mag das 🙂
    Dein sollbruchstellenloser Käfer

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