„Eine böse Geschichte über zwei Intellektuelle“ (7+8)

Liebe Förmchen, da ich ich heute auf Arbeit richtig Gas gegeben habe und auch alles geklappt hat, bin ich einigermaßen pünktlich und gut gestimmt wieder zu Hause. Das motiviert zum Reinstellen der nächsten beiden Kapitel – und morgen, so DIESERUNDJENER will, bekommt Ihr das Ende der Geschichte. Also los:

Kapitel 7

Als etwa vier Monate in der geschilderten Weise vergangen waren, begann Roxana-Sybill, sich in der Physik vertieft mit Elektrizitätslehre zu befassen. Leider standen schon an der „Eingangstür“ zu einem etwas tiefergehenden Verständnis elektromagnetischer Phänomene wie zwei Zerberusse die „Maxwellschen Gleichungen“, die in einer für die Dichterin bislang vollkommen unverständlichen mathematischen Sprache abgefaßt waren. Sie stellte also fest, daß es nunmehr unumgänglich sein würde, sich ein Verständnis der sogenannten „Infinitesimalrechnung“ oder auch „Differential- und Integralrechnung“ zu erarbeiten. Natürlich waren ihr auch vorher Berechnungen auf Basis dieser Methoden begegnet, sie hatte sich aber bisher damit geholfen, nur die jeweils entstandenen „Endformeln“ zu betrachten und für ihre weiteren Studien zu verwenden. Was die genannten Rechenmethoden in ihrem Wesen eigentlich waren, das konnte sie bisher einfach nicht verstehen. Ihr nun angestrebtes Ziel war es jedoch, die Berechnungen, die unter anderem dem Aufbau gewisser elektrischer Schaltkreise zugrundelagen, wirklich inhaltlich nachvollziehen zu können.

Die Dichterin Roxana-Sybill Kutscher hatte, wie wir sehen, unmerklich einen Ehrgeiz entwickelt, der das ursprüngliche Ziel des bloßen Zeitvertreibs mit Hilfe der Wilfried-Bücher weit überstieg. Wieder einmal halfen der Gefangenen zwei Dinge, die folgenden harten Wochen durchzustehen: Zum einen ihr Unwissen über den Umfang der gestellten Aufgabe und zum zweiten die sehr gut gewählte Einsteigerliteratur, die Wilfried bereitgestellt hatte. Entscheidend für das Eindringen in diese „höhere Mathematik“ war wieder das Verstehen der Grundgedanken und die Aneignung der zugehörigen Begriffswelt. Mit Hilfe der gewohnten Anfängerstrategie und ihrer bereits gut entwickelten Kenntnisse zu den mathematischen Funktionen gelang es Roxana- Sybill nach einiger Zeit, Grundbegriffe wie „Differential“ und „Integral“ zu verstehen. In der Literatur wurden dann lange, umständliche „Beweise“ dargelegt, die nichts anderes zum Ziel hatten, als handliche Rechenregeln für die Differential- und Integralrechnung zu schaffen. Die Gefangene merkte nach endlosen Studientagen, daß es gar nicht nötig war, diese Beweise zu verstehen. Man konnte mit den letztendlich vorliegenden Rechenregeln alle Übungsaufgaben wunderbar lösen. Als sie diesen Stand erreicht hatte, empfand unsere Studentin eine unbändige Freude. Zum erstenmal in der Zeit ihrer Gefangenschaft lachte sie laut heraus.
Nun war es soweit, sie konnte sich mit guten Erfolgsaussichten der Elektrizitätslehre zuwenden! Wenn man hier zweifelnd liest, daß die Dichterin in einigen Monaten Stoffgebiete erlernte, für die gewöhnliche Studenten Jahre benötigen, so möge man bedenken, daß die Gefangene durch ihre Lage zu einer einzigartigen Konzentration und Arbeitsintensität gezwungen wurde. Zudem war sie eine sehr intelligente und in der Bewältigung geistiger Arbeit erfahrene Frau. Gerade letztere Erfahrung muß der gewöhnliche Student erst erwerben, was natürlich die Geschwindigkeit seiner Studienarbeit verringert. Also die Elektrizitätslehre…
Es war wie immer: Die Grundbegriffe und Definitionen, die wesentlichen mathematischen Zusammenhänge, der routinierte Umgang mit Begriffen und Lösungsalgorithmen, Übungsaufgaben lösen… Eines aber unterschied die Elektrizitätslehre von den bisher eroberten Wissenfeldern: Man konnte sie direkt praktisch umsetzen, es war sogar erklärtes Ziel, nützliche Schaltkreise zu entwerfen und zu realisieren. Zum ersten Mal in ihrem Leben begegnete die Lyrikerin der direkten Verbindung zwischen geistiger und materieller Sphäre. Da sie, wie wir sahen, den kreativen Wert der naturwissenschaftlichen Gedankengänge anzuerkennen gelernt hatte, begann die Frau einzusehen, daß die daraus abgeleiteten technischen Objekte auch nicht so öde und uninteressant sein konnten, wie angenommen. Wilfried hatte zudem ein praktisch orientiertes Lehrbuch zur „E-Lehre“ bereitgestellt, das auch handwerkliche Fertigkeiten vermittelte. In diesem Buch wurde der Student angehalten, Übungsaufgaben in Gestalt selbstgebauter Schaltungen zu lösen. Es fand sich, daß Wilfried das in diesem Buch geforderte Bauelemente-Sortiment schon bereitgelegt hatte. Roxana-Sybill lernte offenbar wie von Wilfried programmiert und bekam Wut, als sie wieder einmal ihre marionettenhafte Rolle sah. Der Anfall dauerte jedoch nicht lange, zu groß war inzwischen Roxana-Sybills Neugier auf die Wissensfelder, die vor ihr lagen.
So kam es denn, daß unsere Lyrikerin eines Tages löten lernte! Der Anblick dieser ersten Bemühungen, ein praktisches Handwerk zu erlernen, war gewiß erheiternd, wenn man ihre völlig ungeübten Hände bedenkt. Entsprechend lange brauchte sie auch, bis es ihr gelang, die ersten Übungen ihres Buches auszuführen. Es handelte sich zunächst um einfachste Aufbauten („Stromquelle – Schalter – Glühlampe“), die grundlegende Schaltungsarten lehren sollten. Roxana-Sybill freute sich wie ein Kind, wenn sie tatsächlich eine „Parallelschaltung“ oder eine „Wechselschaltung“ erfolgreich zusammengelötet hatte, und den Kolophoniumgeruch fand sie gar nicht mehr so unangenehm.

Kapitel 8

Wir wollen nun nicht den gesamten Weg der Dichterin beschreiben, der sie schließlich zur Beherrschung wesentlicher Felder der Mathematik, Physik und Elektrotechnik/Elektronik führte. Sie ging bei den weiteren Studien immer nach ihrer bewährten Strategie vor und hatte mit steigendem Wissensfundus zunehmend Erfolg damit.
Eines Tages war es dann soweit gekommen, daß die Gefangene sich in der Lage sah, sowohl einen Empfänger als auch einen Sender für Radiowellen selbst zu entwerfen und zu bauen. Als sie sich dessen sicher geworden war, dachte Roxana-Sybill sofort daran, dies für ihre Befreiung zu nutzen. Um festzustellen, ob Radiowellen die Laborwände durchdringen konnten, wollte sie zunächst einen Empfänger, ein Radio also, bauen. Gestützt auf ihr Wissen und umfangreiche Literatur zu Baugruppen und Standardschaltungen der Elektronik setzte sie diesen Plan innerhalb einer Woche in die Tat um. Das Ergebnis der ersten Empfangsversuche war absolut niederschmetternd. Bis auf ein leichtes Rauschen war dem Apparat nichts zu entlocken. Dies konnte nun an einem Gerätefehler liegen oder das Labor war auch in Bezug auf Radiowellen völlig isoliert. Sie konnte das nur prüfen, indem sie einen Sender baute, der im Radiofrequenzbereich arbeitete. Wenn der Empfänger dessen Signale wiedergab, dann lag kein Fehler vor und ihr Gefängnis war wirklich für Radiowellen undurchdringlich. Wie die Gefangene (und sicher auch der geneigte Leser) schon ahnte, arbeiteten beide Geräte einwandfrei, sodaß die Möglichkeit, durch Funksignale die Außenwelt zu alarmieren, eindeutig entfiel. Man wird verstehen, daß die bedauernswerte Frau diese Enttäuschung erst nach einigen Tagen verdaut hatte. In dieser Zeit ließ sie alle Arbeit liegen und war in verzweifelte Grübeleien versunken. Sie mußte nun noch etwa fünf Monate in dem Gefängnis ausharren und hatte absolut keine Lust mehr zu studieren.
Gelangweilt und desinteressiert blätterte Roxana-Sybill eines Tages in ihrem Baugruppen-Buch, als sie bei einer Abbildung auffuhr: Das dort gezeigte Gerät kannte sie! Damit ist gemeint, sie hatte es vor kurzem erst gesehen, ohne zu wissen, welchem Zweck es diente. Im Moment konnte sich die Gefangene jedoch nicht entsinnen, wo sich der kleine unscheinbare Kasten befand. Nur soviel war klar, es war irgendeine recht dunkle Ecke in dem Labor. Elektrisiert begann sie den Text zu diesem Gerät zu lesen. Es handelte sich um die „programmgesteuerte Kontrollschaltung für eine Türschließautomatik“. Nun fiel ihr alles wieder ein: Der kleine Kasten befand sich an der Wand neben ihrer Gefängnistür, und zwar dicht über dem Boden in einer Wandnische! Vor kurzem war ein Bauelement in diese Nische gerollt und beim Hervorholen hatte Roxana-Sybill das Kästchen gesehen und sich über die eigenartige Steckbuchse auf seiner Frontseite gewundert. Wie sie nun dem Buch entnahm, war diese Buchse eine sogenannte „Schnittstelle“ für den Anschluß eines Computers. Über sie wurde die Türautomatik programmiert. Die Prozedur war genau beschrieben, nur verstand die Dichterin von dem Computerkauderwelsch nicht das geringste. Soviel aber war klar: Hier stand beschrieben, wie man die Tür des Labors öffnen konnte!
Man kann sich leicht die extreme Zwiespältigkeit der Gefühle vorstellen, von denen Roxana-Sybill nun beherrscht wurde. Wie sie sich freute, daß man hier aus eigener Kraft herauskommen konnte, wie verzweifelt sie war, daß das nur möglich sein würde, wenn sie auch noch Computerprogrammierung lernte!
Mehrere Tage lang kämpften der eingefleischte Abscheu gegen Computer und der heftige Wunsch nach Befreiung im Inneren der Gefangenen. Schließlich führte das zum x-ten Male wiederholte Durchdenken ihrer Lage zu der einzig möglichen Entscheidung: „Es muß sein!“ Besonders hart kam es sie in den nächsten Wochen an, daß wieder einmal mit den allerelementarsten Grundlagen begonnen werden mußte. Die natürlich vorhandene Einsteigerliteratur verlangte zunächst, den Computer zu installieren und zu starten. Roxana-Sybill war demnach gezwungen, das Ungetüm aus dem Schrank zu holen und zu verkabeln. Voller Widerwillen und mit langen Pausen arbeitete sie alle beschriebenen Prozeduren ab und schaltete schließlich den Computer ein. Wie im Buch dargestellt, führte er zuerst einige Anfangsroutinen aus und zeigte dann ein feststehendes Bild auf dem Monitor, mit dem die Gefangene selbstverständlich nichts anfangen konnte. Sie war nun wieder gezwungen, ihre alte Strategie anzuwenden, wenn sie Zugang zum Computer erlangen wollte.
Zunächst kämpfte die Dichterin einige Tage darum zu verstehen, was ein Computer im Grunde ist und was er tut. Sie empfand eine gewisse Dankbarkeit für ihren Mann, der die Problematik kannte und wieder einmal das entsprechende Buch angeschafft hatte. So verstand sie allmählich, daß ein Rechner, auch wenn er scheinbar Wunder vollbringt, nichts tut als zu rechnen und zwar ausschließlich nach dem Willen des programmierenden Menschen. Für das Selbstwertgefühl der Dichterin war dies eine außerordentlich wichtige Unterstützung. Es folgte nämlich aus dieser Erkenntnis, daß in den Programmen, die so ein Computer ablaufen ließ, nichts steckte, als geronnener menschlicher Geist. Daß Computer nur Werkzeuge zur Beschleunigung von geistigen Routineprozessen darstellen, hatte Roxana-Sybill bisher nicht gewußt. Das in der laienhaften Öffentlichkeit verbreitete Bild über diese „Elektronenhirne“ ließ eher auf eine sich verselbständigende geistige Konkurrenz zum Menschenhirn schließen. Wahrscheinlich hatte unsere Heldin auf etwa dieser Grundlage ihr „Feindbild Computer“ entwickelt. Das Anfängerbuch, aus dem sie ihre neue Sicht entnommen hatte, lieferte zugleich Anweisungen, wie man sogenannte „Dateien“ anzeigen, ausdrucken, verändern und so weiter konnte. Außerdem wurde erklärt, woran man Programme erkennt, die ausgeführt werden können und wie man sie ablaufen läßt. Jetzt wußte Roxana-Sybill auch, wie sie von dem Anfangszustand des Rechners ausgehend verschiedene Operationen ausführen konnte.
Wie jeder Mensch, der eine neue Materie kennenlernt, verschaffte sich die Gefangene zunächst einen Überblick – in diesem Fall über die ausführbaren Programme, die Wilfried schon gespeichert hatte. Sie alle hatten Namen, die offenbar den jeweiligen Inhalt andeuteten, ihr selbst aber nichts sagten. Es gab „mandel.exe“, „chaos.exe“, „fraktal.bat“ und ähnliche kryptische Kürzel. Unsere Studentin wußte wie gesagt schon, auf welche Weise die Programme gestartet werden konnten und begann natürlich sofort, deren Funktion zu testen. Das willkürlich gestartete Programm „mandel.exe“ lieferte zunächst einen äußerst abstrakten mathematischen Text sowie Formeln und eigenartige Diagramme. Die Diagramme stellten nach Roxana-Sybills Kenntnis irgendwelche nichteindeutigen Funktionen dar, deren Natur sie aber nicht verstand. Recht ernüchtert ließ sie dann das Programm „fraktal.bat“ laufen…

Bis denne, Euer Pi…

6 Gedanken zu „„Eine böse Geschichte über zwei Intellektuelle“ (7+8)“

  1. Das muss ich aufgreifen:
    … Wenn man hier zweifelnd liest, daß die Dichterin in einigen Monaten Stoffgebiete erlernte, für die gewöhnliche Studenten Jahre benötigen, so möge man bedenken, daß die Gefangene durch ihre Lage zu einer einzigartigen Konzentration und Arbeitsintensität gezwungen wurde. …
    Freiwillig – trotzdem eingesperrt – bin ich seit 2 Wochen in meinem privaten Kämmerchen an einer Arbeit, für die ich in meiner Büroecke das Doppelte, wenn nicht Dreifache an Zeit verdusseln würde. Ich bin ein temporärer Einsiedlerkrebs ;D
    Löbe für diese Geschichte an dich. Kannste nicht noch einen oder 2 Tage warten, bis THE END?
    Das ‚Potentialdifferenz‘ würde bis ins Unermessliche steigen 😉
    Gruess vom Äxli

    1. Lieber Pi, diese Kapitel über die Bedeutung der Naturwissenschaften 😉 sind wirklich sprachlich gekonnt dargestellt! Kompliment!
      Den Schluss kenne ich ;-): Also der Ehemann freut sich erstmal wahnsinnig darüber, dass er endlich für eine Weile von den ewigen literarischen Ergüssen seiner Frau befreit ist, die ihm ständig mit irgend welchen Sinnzusammenhängen aus Hesses und Manns (Thomas, nicht Heinrich!) Werken nervt.
      Frohgemut sucht er eines sonnigen Tages die nahe gelegene Universitätsbibliothek auf, um sich das neueste Werk des berühmten Genetikers Franz Zellenmacher zu besorgen – da, sein Blick fällt auf die (sehr) hübsche Bibliothekarin…..Fortsetzung folgt, nur so viel sei verraten, dass sich der Ehemann am Ende – nach glücklicher Umarmung seiner im Grunde doch geliebten Gattin – mit ihr darüber einig ist, sich jeweils ein um den anderen Tag über ein wichtiges Thema aus dem naturwissenschaftlichen o d e r dem geisteswissenschaftlichen Bereich auszutauschen. Gemeinsam – versteht sich! 😉
      Nun bin ich auf das Ende sehr gespannt! Bis dahin herzliche Grüße, Clara

      1. Tja, liebe Clara, ganz so nett, wie Du es erhoffst, wird diese „Böse Geschichte…“ wohl nicht enden… 😉
        Vielen Dank fürs Lob – an Dich & Äxli! *freu*

    2. Liebs Äxli,

      interessant, Dein „temporäres Einsiedlertum“! Da hab ich mir das ja offenbar einigermaßen realistisch überlegt… 🙂

  2. Lieber Pi, bin noch immer – oder immer mehr – gefesselt von deiner spannenden Geschichte! Ganz grosses Kompliment! Ich fiebere gespannt dem Ende entgegen. 😀

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