„Eine böse Geschichte über zwei Intellektuelle“ (5+6)

Liebe Förmchen, da ich nicht weiß, ob ich morgen dazu komme, Euch eine Fortsetzung reinzustellen, gibt es die heute schon – zumal Ihr die Story offenbar mit Spannung lest. *freu*
In den nächsten 3…4 Kapiteln werden, wie ich denke, etliche von Euch ziemlich zu leiden haben – aber schließlich soll das Elend der Heldin ja nachspürbar sein…
Da müsst Ihr durch!

Kapitel 5

Zum ersten Male erwachte die Gefangene hier unten gut ausgeruht und stand recht unbeschwert auf. Dies lag wohl vor allem darin begründet, daß sie den Beginn der geistigen Tortur selbst festlegen konnte, ja sie hatte eigentlich auch die Möglichkeit, es ganz zu lassen! Der Verstand sagte ihr aber deutlich genug, daß sie sich dem Unvermeidlichen nicht würde entziehen können.

Nach dem Frühstück – und natürlich dem eigenhändigen Abwasch! – begann die Dichterin, so als werde sie beobachtet, wie nebenbei und betont lässig auf eines der Bücherregale zuzugehen. Dabei hatte sich der an Ekel grenzende Widerwille gegen die dort versammelte „Literatur“ nicht im geringsten vermindert. Sie las zunächst die Titel auf den Buchrücken und stellte, nun nicht mehr überrascht, fest, daß für jede Disziplin offenbar auch Lehrbücher über die jeweiligen Anfangsgründe vorhanden waren. Da Roxana-Sybill sich aus ihrer Schulzeit noch am ehesten an die Mathematik erinnern konnte, nahm sie nach einiger Überwindung ein Lehrbuch der Elementarmathematik aus dem Regal und schlug es wirklich auf!
Nachdem sie das Vorwort und die ersten Seiten mit Lehrstoff gelesen hatte, mußte die Neu-Schülerin feststellen, daß Wilfried anscheinend darauf geachtet hatte, ihr den Eistieg in seine Gedankenwelt möglichst angenehm zu machen. Das Buch war mit interessanten und lustigen Beispielen wohlversehen und machte der gefangenen Dichterin zuweilen sogar Freude. Sie stellte zudem überrascht fest, daß ihr verschüttetes Schulwissen (immerhin hatte sie Abitur!) sich zunehmend aktivieren ließ.
So hatte die Lyrikerin bald einen Teil dieses Mathematikbuches wie ein Stück illustrierten Roman gelesen und stieß nun allmählich an die Grenzen ihres mathematischen Wissens. Dadurch wurde der Text zunehmend unverständlich, weil sie natürlich nicht, dem eigentlichen Zweck des Buches entsprechend, Mathematik gelernt hatte. Es war ja auch nicht möglich, die Übungsaufgaben zu rechnen, weil Wilfried ihr kein Schreibzeug gegönnt hatte! Diese Rechtfertigung genügte der Gefangenen für den Augenblick, um das Buch beiseite zu legen – der Zorn über ihre Unwissenheit hatte den alten Ekel wieder geweckt. Roxana-Sybill aß erst einmal ausgiebig zu Mittag und legte sich schlafen. Sie war entschlossen, die Mathematik aufzugeben, schließlich konnte sie ja keine Aufgaben rechnen. Am Nachmittag wachte die Dichterin ausgeruht auf und hatte recht gute Laune. Sie ging ins Bad und machte sich frisch. Dann trank sie in Ruhe Kaffee. Nach dem Abwasch begann sich die Langeweile langsam wieder zu regen, und Roxana-Sybill wälzte zum wiederholten Male dieselben Gedanken in ihrem Kopf.
Sie kam bei ihrer Grübelei immer zum gleichen Ergebnis wie zuvor und nahm daher aus Verzweiflung ein Elektronik-Einsteigerbuch zur Hand, stellte aber sofort fest, daß dieses Buch ohne physikalische und mathematische Voraussetzungen völlig unlesbar war. Da sie die Computerliteratur auf keinen Fall lesen wollte, blieb zunächst nur die Beschäftigung mit Physik übrig, um vielleicht irgendwann die Literatur über Elektrotechnik/Elektronik verstehen zu können. Die Lyrikerin wunderte sich selbst über die Kraft, die sie zur Überwindung ihres Widerwillens gegen den aufgezwungenen Stoff aufbrachte. Offensichtlich war das Wissen um ihre psychologische Situation, das sie aus der „Schachnovelle“ bezog, dafür sehr hilfreich. Roxana-Sybill nahm also ein Einführungslehrbuch der Physik in die Hand und begann darin zu lesen.
Als die „angehende Studentin“ das Inhaltsverzeichnis durchgesehen hatte, erkannte sie, daß die Physik wohl aus einer ganzen Reihe ziemlich selbständiger Teilgebiete bestand. Sie erinnerte sich auch hier an einige Bruchstücke ihres Abiturwissens, das ihr ebenfalls in Form solcher Teilgebiete vermittelt worden war. Da das Buch sehr dick war und auch nur einen „Grundlehrgang“ enthielt, begriff Roxana-Sybill sehr rasch, daß sie nicht die ganze Physik studieren konnte. Sie las also zunächst zu jedem der Teilgebiete einige einführende Seiten, um sich über den jeweiligen Inhalt solcher Gebiete wie „klassische Mechanik“, „Wärmelehre“, „Optik“ oder „Elektrizitätslehre“ ein Bild zu machen. Die Dichterin war danach immerhin soweit, in etwa zu wissen, welche Gebiete für sie inhaltlich am leichtesten zugänglich, also am anschaulichsten waren und welche man für das Verständnis von Elektrotechnik/Elektronik am ehesten brauchen würde. Eine weitere Erkenntnis aus der ersten Physik-Lektüre war, daß diese Wissenschaft zu stark von Mathematik durchdrungen ist, um ohne entsprechende Kenntnisse auszukommen. Die „Studentin“ befand sich in einem Teufelskreis: Jedes hing von Jedem ab, es sei denn, sie hätte die gesamte Mathematik, oder zumindest sehr große Teilgebiete von ihr, zuerst komplett studiert. Die starke Abstraktheit der Mathematik stellte jedoch eine nahezu unüberwindliche psychologische Barriere dagegen dar, vor allem, wenn man bedachte, daß es überhaupt keinen Gesprächspartner gab, den man bei Unklarheiten fragen konnte. Hier ging es vor allem um methodisches Rüstzeug, um Kenntnisse, welche Typen mathematischer Formalismen und vor allem Gedankengänge es gab und wie man mit ihnen umgehen mußte. In dem Physiklehrbuch hatte sie an einigen Stellen sogenannte „Ableitungen“ oder „Herleitungen“ für gewisse grundlegende Formeln gesehen. Wie diese Gleichungen aus allgemeinen, zunächst teilweise noch verständlichen Überlegungen erzeugt wurden, blieb ihr völlig unbegreiflich. Ohnmächtigen Zorn riefen häufig vorkommende Anmerkungen wie „… man sieht leicht, daß…“ oder „…daraus folgt unmittelbar…“ bei ihr hervor. Sie sah dann ihre absolute Hilflosigkeit bezüglich der Denkmethoden „dieser verdammten Formelkrämer“ klar vor sich.
Da es früh am Abend war und die Dichterin keine Müdigkeit verspürte, beschloß sie, noch heute eine Strategie zur Aneignung der offenbar auch wechselseitig abhängigen Teilgebiete von Mathematik, Physik und Elektrotechnik/Elektronik festzulegen. Ein Hauptproblem der Annäherung an die fremden Gedankenwelten waren Fachbegriffe, die verwendet wurden und die sie nicht kannte. Roxana-Sybill wußte aus ihrer eigenen Arbeit, daß Begriffe das geistige Gerüst einer jeden Fachdisziplin darstellen. Ihre Bedeutung muß man genau kennen, um sich in dem Gebiet bewegen zu können. Es war daher wohl wichtig, zu den Gebieten Mathematik, Physik und Elektrotechnik Nachschlagewerke, Lexika, zu finden, in denen die notwendigen Erläuterungen stehen müßten – schließlich gab es so etwas auf dem literarischen Sektor auch. Sie wurde nach kurzer Suche in den Bücherregalen ihres Mannes reichlich fündig. Für alle zu betrachtenden Gebiete fanden sich zu ihrer Zufriedenheit umfängliche Nachschlagewerke.
Am Vorgehen der Dichterin erkennt der Leser sicher, daß sie eine sehr intelligente Frau war. Es half ihr auch die, ihrer eigenen Überzeugung zum Trotz gegebene, Tatsache, daß geistige Tätigkeit unabhängig von ihrem Inhalt stets ähnlichen formalen Gesetzen gehorcht. So gelang es der Gefangenen ziemlich schnell, eine hoffnungsvolle Strategie für das möglichst effektive Eindringen in die „Wüste“ wissenschaftlich-technischer Teilgebiete zu entwickeln: Roxana-Sybill nahm sich nach einiger Überlegung vor, die Physik als Leitfaden für alle anderen Studien zu verwenden. Sie wollte aus naheliegenden Gründen mit dem Durcharbeiten des Kapitels „Elektrizitätslehre“ in dem dicken Physikbuch beginnen. Immer wenn sie dabei auf Unverständliches stieß, wollte sie dies zum Anlaß nehmen, in den Lexika und fachspezifischen Lehrbüchern nachzusehen und dabei erkennbare geschlossene Stoffgebiete zu studieren. Sie hoffte, auf diese Weise zunächst ein Basiswissen der drei erwähnten Bereiche zu erlangen.
Bevor man damit beginnen konnte, mußte aber das Problem des Schreibens irgendwie gelöst werden. An richtiges Schreiben im Sinne dichterischen Schaffens war natürlich ohne Papier und Federhalter absolut nicht zu denken, sie wollte aber versuchen, eine Möglichkeit zum Aufzeichnen von Gleichungen und Ähnlichem zu finden. Vielleicht ließ sich von dem vielen Material, das Wilfried aufbewahrte, etwas verwenden. Als mögliche Schreibfläche hatte die Dichterin schon bald die matte weiße Wand an der Schmalseite des Labors ausgewählt. Jetzt ging es darum, irgendeinen Gegenstand zu finden, der als Schreibstift brauchbar war und dessen Spuren auch wieder abgewischt werden konnten. Roxana-Sybill stöberte sehr lange in den verschiedenen Schränken und Kästen umher und probierte auch viele Gegenstände aus Metall oder Kunststoff aus. Alle Versuche endeten entweder mit unschönen Kratzern oder man mußte so aufdrücken, daß das Schreiben zur körperlichen Arbeit wurde. Zudem waren die so erhaltenen Linien kaum abwischbar. Als sie schon resignieren wollte, fiel ihr eine Packung recht schwerer, etwa bleistiftdicker silbriger Metallstäbe mit der Aufschrift „Lötzinn“ in die Hände. Sie probierte auch diese aus und stellte hocherfreut fest, daß man damit sehr leicht dünne graue Linien zeichnen konnte. Mit einem in der Kochnische vorhandenen Scheuerschwamm waren sie ganz leicht entfernbar. Nachdem das Schreibproblem nun zur Zufriedenheit gelöst war, konnte die Gefangene beruhigt zu Bett gehen. Kurz vor dem Einschlafen ertappte sie sich leicht erstaunt dabei, einen gewissen Eifer und auch Neugier bezüglich ihrer zukünftigen Studien zu empfinden.

Kapitel 6

Das nun beginnende „Grundlagenstudium“ in Mathematik, Physik und Elektrotechnik sollte sich über mehrere Monate hinziehen. Hätte Roxana-Sybill anfangs geahnt, welche Qualen, welche Verzweiflung und welche Rückschläge sie erwarteten, wer weiß, ob sie die Kraft gefunden hätte, alles durchzustehen. Mehr als einmal warf sie in den folgenden Wochen die Bücher von sich und heulte in ihr Kissen, das der fürsorgliche Wilfried natürlich nicht vergessen hatte. Immer wieder geriet Roxana-Sybill in Teufelskreise, die oft darin bestanden, daß Erklärungen zu einem Begriff oder Sachgebiet, die sie las, auf andere, ihr ebenfalls unbekannte Grundkenntnisse Bezug nahmen. So saß sie häufig stundenlang verzweifelt über den Büchern und kam „vom Hundertsten ins Tausendste“, oder sie quälte sich mit dem „Lexikoneffekt“, der entsteht, wenn man ein unbekanntes Stichwort nachschlägt und drei anderen begegnet, die man ebenfalls nicht kennt…
Erst nach einigen Wochen bemerkte die bedauernswerte Gefangene, wie sich allmählich kleine zusammenhängende „Inseln des Verstehens“ in dem Meer ihrer Unkenntnis bildeten. Sie erkannte diese Erfolge gewöhnlich daran, daß es ihr immer öfter gelang, die verschiedenen Übungen in Mathematik und Physik richtig zu absolvieren.
Die ersten Durchbrüche in der Mathematik schaffte die Gefangene im Fach Geometrie. Es war vermutlich die Anschaulichkeit dieses Teilgebietes, die ihr half, erfolgreich größere Stoffabschnitte recht zügig durchzuarbeiten. Dabei hatte wohl auch der gute didaktische Aufbau des Mathematikbuches eine große Bedeutung. Interessant war zugleich die völlig unerwartete Tatsache, daß gewisse Bereiche der Physik sehr eng mit der Geometrie verknüpft sind. Es gab sogar Stellen in den Physikbüchern, die anscheinend nahelegten, daß einige physikalische Teilgebiete Geometrie sind.
Viele der hier dargestellten Gedanken kamen der Dichterin natürlich zunächst nicht in naturwissenschaftlicher Klarheit zu Bewußtsein, sie stellte solche Zusammenhänge eher intuitiv her. Man kann wohl annehmen, daß die mehr musische Ausrichtung ihres Intellekts diese Art und Weise des Verstehens begünstigte. Wer mit der Geometrie vertraut ist, weiß, daß das tiefere Eindringen in ihre Gefilde auch Kenntnisse der Funktionentheorie erfordert, schließlich sind die geometrischen Zusammenhänge stets mathematische Funktionen. Fälle wie der Satz des Pythagoras, den jeder kennt, stehen dafür. Auf der Grundlage der Geometrie gelang es daher der Gefangenen in zunehmendem Tempo, sich weitere mathematische Gedanken und Formalismen anzueignen. In den Bereichen Algebra und Analysis machte sie immer größere Fortschritte, was die physikalischen Studien ebenfalls wesentlich effektiver gestaltete. Die Dichterin begann nun allmählich, eine gewisse Befriedigung zu empfinden, wenn es ihr wieder einmal gelungen war, einen komplizierten Zusammenhang zu verstehen oder gewisse Herleitungen nachzuvollziehen.
Unmerklich widerfuhr ihr nun in der Naturwissenschaft, was sie bisher nur im literarischen Bereich kennengelernt hatte: Sie bewunderte geistige Leistungen, die andere Köpfe vollbracht hatten. Eine derartige Bewunderung kann wohl nur empfinden, wer das betreffende Gebiet kennt und es vor allem als Feld kreativer Tätigkeit akzeptiert. Dies war bei unserer „Studentin“ offenbar zunehmend der Fall. Der geneigte Leser wird bis hierher bereits festgestellt haben, daß Wilfried in seiner Gattin doch schon recht bedeutende Veränderungen ausgelöst hatte. Die Art und Weise, in der das erreicht wurde, erscheint uns aber nach wie vor sehr grob und wir werden sehen, was sich daraus weiter ergibt.

Bis denne, Euer Pi…

6 Gedanken zu „„Eine böse Geschichte über zwei Intellektuelle“ (5+6)“

  1. Eine gewisse Identifikation mit der guten Roxana-Sybill kann ich nicht ganz abstreiten. Habe mich gerade dabei ertappt, dass ich mir Möglichkeiten überlegt habe, wie sie der Mathematik und allem entgehen könnte, ohne in geistige Trübsal zu verfallen. 😉
    Freue mich auf die Fortsetzung.

    1. Und, liebe Esther, bist Du denn auf Auswege gestoßen?
      Das würde mich interessieren, weil die Geschichte natürlich daran
      hängt, wie „wasserdicht“ die geistige Einsperrung der R.-S. ist. 😉

      1. Ist bestimmt sehr wasserdicht, lieber Pi!
        Als R.-S. hätte ich mich evtl. in anderer, etwas destruktiver Art an den Büchern vergriffen, indem ich Worte und Sätze aus den Seiten geschnippelt hätte, um sie zu Lyrik zusammen zu stellen.
        Bei einem Jahr Zeit ergäbe dies eine gigantische Collage und die Herausforderung wäre spannend genug, mit naturwissenschaftlichem Wortschatz als Material Lyrik zu basteln. 😉

        1. Super-Idee, Esther! Da habich ja Glück, dass R.-S. darauf nicht gekommen ist… 🙂
          Aber nee, es gab ja kein Papier und keinen Klebstoff…

          1. Stimmt, Pi, das war die Schwachstelle in meiner Überlegung. 😛 .
            Aber man könnte das ganze einfach auf dem Fussboden ausbreiten – gibt ja keinen Durchzug im Keller. Hey, das wäre überhaupt DER Gag: Nach einem Jahr wird die gute R.-S. endlich von ihrem bösen Gatten erlöst, er öffnet die Tür, und der erste Luftzug, der aus der Freiheit hereinweht, zerstört R.-S. gewaltiges Werk. :mrgreen:

  2. Dieser, Zitat „verdammte Formelkrämer“, treibt mich zur Weissglut.
    Ich MUSS weiterlesen, lieber Pi. Kann mich nicht aufhalten mit etwelchen Kommentaren 😈

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