„Eine böse Geschichte über zwei Intellektuelle“ (1+2)

Liebe Förmchen,

Esther hat mich ermutigt, hier auch etwas längere Texte reinzustellen, was ich nun – Kapitelweise  – tun will. Ihr bekommt ungefähr im Tagesrhythmus immer ein bis zwei Kapitel – außer Ihr wollt es anders…
Zuerst kriegt Ihr eine Story, welche wie folgt benannt ist:

„Eine böse Geschichte über zwei Intellektuelle“
(von 1994 – bitte die Computer-lastigen Teile entsprechend einordnen! :-))

Kapitel 1

Wie sie diesen Gestank haßte!

Der üble Geruch nach verdampftem Kolophonium, den der Mann beim Löten erzeugte, erschien ihr immer mehr als Symbol ihrer mißratenen Ehe mit Wilfried, dem „begnadeten Elektroniker, Mathematiker und Informatiker“, wie es in der Laudatio zu seiner letzten Preisverleihung geheißen hatte. „Begnadet“ im Zusammenhang mit trockenen Zahlen und Maschinen – für sie als Dichterin ein unerträglicher Stilbruch. „Begnadet“, das hieß Phantasie, geistiger Höhenflug, Verlassen der profanen materiellen Welt. „Begnadet“ war ein Hölderlin, aber kein entsetzlich ordentlicher, rechtwinkliger und grauer Theoretiker wie ihr Gatte Wilfried. Wilfriedschon dieser Name! Nomen est Omen, daran glaubte sie fest, angesichts ihrer beider Vornamen. Sie, die feinsinnige Lyrikerin, hieß, ihrem künstlerischen Wesen wirklich angemessen, Roxana-Sybill und empfand es daher zunehmend als unverzeihlichen Fehler, einen Wilfried Kutscher geheiratet zu haben. Das mußte von Anfang an schief gehen.

Warum hat sie den Mann überhaupt genommen? Nun ja, auf dieser Party damals (nach irgendeinem Fachkongreß, sie war durch ihre Freundin dorthin geraten) war er sehr beeindruckend gewesen, auch war er gutaussehend und erfolgreich. Dazu hatte er natürlich das Geld, das sie als Dichterin ungerechterweise nicht verdienen konnte. Wilfried wies also alle Voraussetzungen auf, die in den Kreisen der Roxana-Sybill ein Ehemann aufweisen mußte. Er bot ihr vor allem die Sicherheit, ihre geistigen Interessen zu pflegen. Womit oder wie er das schaffte, war ihr dagegen recht gleichgültig.

Nachdem die Eheleute ihr neues, recht abgelegenes Haus bezogen hatten, baute er sofort das Kellerlabor aus. Er arbeitete sehr viel dort unten und hatte anfangs versucht, ihr einige seiner langweiligen Geräte und Computerprogramme zu zeigen oder zu erklären. Sie war über diese Zumutung erbost gewesen und hatte ihn giftig daran erinnert, wie er bei einer Romantikerlesung, zu der sie einmal eingeladen waren, geschnarcht hatte. Wenn er Belletristik las (Gedichte nie), dann entsetzliche Schreiber wie diesen Stefan Zweig oder gar Roald Dahl. Durch ihre Nebentätigkeit bei einer Literaturzeitschrift war Roxana-Sybill gelegentlich gezwungen, auch solche Autoren zu lesen und wußte daher, auf welch traurigem intellektuellen Niveau sich ihr Mann bewegte. Der geistige Graben zwischen den Eheleuten wurde unüberbrückbar, als er bei einer Feier grinsend seine Lieblingsanekdote erzählte, in der ein berühmter Mathematiker von seinem ehemaligen Assistenten spricht, der die Mathematik verlassen und sich der Dichtung zugewandt hatte. Über diesen ehemaligen Mitarbeiter hatte der Mathematiker gesagt: „Für die Mathematik hatte er zuwenig Phantasie.“ Sie wußte, daß sie ihrem Mann diese Beleidigung nie verzeihen würde. Seit dieser Begebenheit lud sie regelmäßig ihre eigenen Gäste ein und tat alles, daß Wilfried dann nicht dabeisaß, damit er die Atmosphäre ihrer durchgeistigten Runden nicht instinktlos mit seinen „vernünftigen“ oder „realistischen“ Einwürfen störte.
Nun gut, dieses Problem war jetzt erst einmal beseitigt. Heute würde Wilfried für ein ganzes herrliches Jahr in die USA fliegen, um dort an „ungeheuer wichtigen Forschungen“ teilzunehmen.

Wie spät war es eigentlich? Halb elf – müßte er nicht längst unterwegs sein? Warum lötete er denn noch? „Wiiiilfried!“ Es kam keine Antwort, nur der beißende Kolophoniumgestank stieg nach wie vor aus der wahrscheinlich wieder weit offenen Labortür nach oben in ihr Schlafzimmer. Etwas benommen stand sie auf, die gestrige Literatenrunde war lang und sehr „durchgeistigt“ gewesen, auch mit Hilfe „geistiger“ Getränke, wie sie sich lächelnd entsann. Die Lyrikerin wusch sich, kleidete sich ein wenig unbeholfen an und machte sich oberflächlich zurecht. Der übliche Durst wurde ihr bewußt, und sie ging in die Küche, wo es chaotisch aussah. Das war kein geringer Schreck, weil Wilfried sonst schon lange auf war und alles geordnet hatte, einschließlich Frühstück für sie. Gleich nachher würde sie den Service anrufen und eine Haushaltshilfe bestellen.

Nachdem sie etwas getrunken hatte, ging die Dichterin, immer wütender werdend, die Kellertreppe hinunter, um Wilfried zur Beendigung seiner stinkenden Arbeit aufzufordern, schließlich mußte er ja unbedingt zum Flugzeug! Die verdammte Labortür war wirklich offen. „Wilfried, was soll denn der Unsinn, du mußt zum Flugzeug!“, rief Roxana-Sybill schon auf der Schwelle. Als wieder keine Antwort kam, ging sie angewidert durch die Tür und sah in den von Kolophoniumqualm getrübten Raum hinein. Das Labor war recht groß, und es fiel ihr zunächst schwer, sich zu orientieren. Nach einigen Sekunden dann stellte sie fest, daß ihr Mann gar nicht da war!

Wo kam denn aber dieser Qualm her? Schließlich nahm die Dichterin auf einem der Labortische eine elektrische Heizplatte wahr, auf der ein ziemlich großer halb geschmolzener und verkohlter Klumpen Kolophonium lag. Die Platte war angeschaltet und erzeugte so den stinkenden Qualm. Roxana-Sybill war außer sich vor Wut! Offenbar wollte Wilfried ihr zum Abschied noch eine besondere Bosheit antun, obwohl dies eigentlich nicht seine Art war. Ahnte er vielleicht, daß sie in ihrer geistigen Runde den einen oder anderen Kandidaten für seine Nachfolge „getestet“ hatte? Sie war immerhin noch in dem Alter und in der äußeren Verfassung, eine ausreichende Zahl von Anwärtern zu finden. Leider war ihr bisher keine wirkliche Alternative begegnet, da niemand aus ihrem Freundeskreis eine annähernd so gute und gesicherte Position besaß, wie Wilfried. „Wahrhaft schöngeistige Menschen, respective ihre Werke, werden eben gewöhnlich verkannt“, dachte die Dichterin bitter.

Sie rannte zu der Heizplatte, schaltete sie aus und stieß mit einem danebenliegenden Schraubenzieher den Kolophoniumklumpen hinunter. Im nächsten Augenblick ertönte hinter ihr ein metallisches Schnappen. Sie drehte sich um und sah, daß die Labortür zugefallen war. Zunehmend verwirrt ging sie die Tür wieder öffnen, damit der Rauch besser abziehen konnte.

Sie erstarrte, als sie wahrnahm, daß die Tür keine Klinke, ja überhaupt keine erkennbare Möglichkeit zum Öffnen hatte. Der Raum war fensterlos, Lüftungsgitter und Tür waren aus Panzerstahl. Das ganze Labor war wie ein Luftschutzbunker gebaut. Wilfried hatte das vor Jahren einmal erwähnt und gesagt, es sei aufgrund der Bedeutung seiner Forschungen erforderlich.

Augenblicklich begriff Roxana-Sybill, daß sie gefangen war.

Kapitel 2

Nach einigen Schrecksekunden ergriff Panik von ihr Besitz und sie begann an die Tür zu trommeln und verzweifelt um Hilfe zu schreien. Bald wurde sie sich aber darüber klar, daß dieses Unterfangen absolut hoffnungslos war, und sie brach weinend zusammen.

Als der erste Weinkrampf nachließ, begann ihr Gehirn allmählich, über die Lage seiner Besitzerin nachzudenken. Es war jedoch ein in logischen Situationsanalysen völlig ungeübtes Gehirn und erzeugte in den ersten Sekunden nur verzweifelte Gedanken: „Ein ganzes Jahr!“, „Verhungern!“, „Ersticken!“ und „Raus hier!“. Dann endlich erschien in ihrem Bewußtsein die rettende Idee: „Das Telefon!“. Sofort begann sie hektisch mit der Suche nach dem Apparat, über den ihr Mann immer seine weltweit verteilten Kollegen anrief und irgendwelchen technischen Hokuspokus mit ihnen austauschte. Das Labor war gut beleuchtet und klimatisiert, sodaß sie in dem nun fast rauchfreien Raum das Telefon bald fand. Schon wieder lächelnd stellte die Frau fest, daß jedenfalls der Erstickungstod nicht in Frage gekommen wäre. Sie nahm den Hörer ab, um einen ihrer Freunde anzurufen, der einen Schlosser oder ähnlichen Fachmann rufen konnte. Der geneigte (und sicherlich geübte) Leser ahnt schon, was ihr nun bevorstand: Sie mußte entdecken, daß das Telefon tot war.

Wieder begann Roxana-Sybill verzweifelt zu schreien und an die Tür zu trommeln, die so massiv war, daß nicht einmal ein Hallen durch ihre Faustschläge erzeugt wurde. Es klang, als würde man an einen Felsen schlagen. Als sie dieses akustische Phänomen bewußt wahrnahm, brach ihr Widerstand endgültig zusammen. Sie lag eine unbestimmte Zeit lang weinend am Boden, der Ohnmacht nahe, und fiel allmählich in einen Dämmerzustand, der langsam in Schlaf überging. Roxana-Sybill erwachte nach schrecklichen Träumen gegen sechs Uhr abends.

Sie hatte furchtbaren Hunger und dachte sofort entsetzt an die Möglichkeit des Verhungerns. Schwankend stand die Bedauernswerte auf und begann, etwas Eßbares zu suchen. An einer der Stirnseiten des Labors nahm sie einen großen Schrank und zu ihrer Überraschung eine Kühltruhe wahr. Beide waren randvoll mit den verschiedensten Lebensmitteln, vor allem Konserven und Tiefkühlkost. Auch große Tee- und Kaffeevorräte sowie verschiedene Säfte waren vorhanden. Von der Tür aus nicht sichtbar, befand sich neben dem Lebensmittellager eine kleine gut bestückte Kochnische. Unendlich erleichtert, ihre prekäre Lage vergessend, stürzte die Lyrikerin sich recht ungesittet auf die erstbeste Konservendose und öffnete sie. Das darin befindliche Fleisch aß sie sofort restlos auf und trank eine Flasche Saft danach.

In der nach dieser Mahlzeit einsetzenden leiblichen Zufriedenheit begannen ihre Gedanken wieder um die Situation zu kreisen, in der sie sich so plötzlich befand. Sie war in diesem Labor unentrinnbar gefangen, das war ihr klar. Von ihren Freunden konnte sie auf lange Sicht nichts erhoffen, da sie sich unangemeldete Besuche immer „strikt“ verbeten hatte, um nicht ohne sorgfältige Toilette vor den Gästen erscheinen zu müssen. Der Anrufbeantworter würde mitteilen, daß sie zur Zeit nicht erreichbar sei. Sie unternahm zur „Inspiration“ häufig Reisen von mehreren Monaten Dauer, also würde sich auch niemand über eine so lange Abwesenheit wundern. Dies umso weniger, als ihr Mann ja ebenfalls für lange Zeit nicht zu Hause war. Das hieß unwiderleglich, sie mußte ein ganzes Jahr hier unten aushalten! Die Eindeutigkeit dieser Feststellung stürzte die Gefangene wiederum in tiefe Verzweiflung, und sie dachte ganz kurz an Selbstmord.

Allmählich begann sich jedoch der Gedanke in ihr durchzusetzen, daß das Ende der bewußten Zeitspanne ja immerhin absehbar war und man versuchen könne, den Kampf tatsächlich aufzunehmen. Dies war für eine Frau, die niemals wirklich um etwas kämpfen mußte, eine völlig ungewohnte Situation und sie begann entsprechend unsicher über die Bedingungen und Erfolgs­chancen eines solchen Kampfes nachzudenken. Die wichtigste Frage war natürlich, ob man hier überhaupt so lange leben konnte. Das Labor war mit Strom, Wasser und Klimatisierung wohlversehen, sodaß das einzig mögliche Problem zunächst die Nahrung darstellte. Die Vorräte, die sie gefunden hatte, waren zwar groß, waren sie aber groß genug, um von ihnen ein Jahr lang zu leben? Aufgrund dieser Frage begann Roxana-Sybill die verschiedenen Nahrungsmittel genauer zu sichten und gedanklich in Tagesrationen zu unterteilen. Dabei stellte sich heraus, daß man ohne zu hungern wirklich etwa 400 Tage mit den Lebensmitteln auskommen konnte. Mit einer flüchtigen Verwunderung registrierte sie, daß Wilfried viele Speisen und Getränke eingelagert hatte, die genau ihrem Geschmack entsprachen. Da sie nicht kochen konnte, war sie zudem froh, hauptsächlich Fertiggerichte vorzufinden. Einzig bedauerlich war, daß überhaupt keine alkoholischen Getränke vorhanden waren. Für sie, die gerade in problematischen Situationen häufig trank, war das eine Enttäuschung. Im Moment jedoch überwog die Erleichterung darüber, daß sie die Zeit hier unten ohne Gefahr überstehen konnte. Zufrieden setzte sich Roxana-Sybill hin und entspannte…

Bis denne, Euer Pi…

6 Gedanken zu „„Eine böse Geschichte über zwei Intellektuelle“ (1+2)“

  1. Habe die ersten beiden Kapitel deiner Geschichte sehr gerne gelesen und warte nun voller Spannung auf die Fortsetzung. Smilie by GreenSmilies.com
    Danke dir für die spannende Unterhaltung!
    Liebe Grüsse
    Esther

  2. meine Güte, du lieber Pi!
    weshalb lässt du uns denn so lange warten 😐
    Ich wäre jetzt parat, weiterzulesen 😀
    Roxana-Sybill – herrlich
    herzliche Gruess
    Äxli

    1. Liebs Äxli,

      als Du Deinen Kommentar verfasst hast, war ich noch auf Arbeit, an meiner Messapparatur. Aber jetzt kannstu die Fortsetzung studieren…

      Dein Pi…

  3. Hi Pi,
    super,
    toller Einstieg, Spannungsbogen gleich im 2. Kapitel auf fast 100n
    nimmt mich gleich gefangen
    und gute Ausdrucksweise, liest sich toll.
    liebe Grüße
    Kara, auf die Fortsetzung wartet

  4. Lieber Pi,

    klar, nun verstehe ich, dass Du keine Krimis liest, Du schreibst ja selbst welche!
    Ich bin schon ganz kribbelig vor Spannung und freue mich auf die Fortsetzung
    Liebe Grüsse
    helia

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