„Eine böse Geschichte über zwei Intellektuelle“ (3+4)

So liebe Förmchen, nun der zweite Teil vom Fortsetzungsroman ;-):

Kapitel 3

Ein leichtes Gefühl der Langeweile überkam sie allmählich, zumal sie sonst fast niemals gegen ihren Willen mit sich allein war. Wenn Roxana-Sybill gerade nicht arbeitete (also dichtete) oder sich selbst pflegte, war ihr Einsamkeit zuwider. Sie sorgte dann stets schnell für Gesellschaft, gewöhnlich, indem sie ein Mitglied ihrer geistigen Runden anrief. Da letzteres hier nicht möglich war, begann die Dichterin, nach Schreibmaterial zu suchen, um etwas zu arbeiten. Seltsamer- und vor allem ärgerlicherweise fand sich in dem ganzen großen Labor nicht die geringste Spur von Schreibutensilien. Zunächst war sie darüber höchst erstaunt, erinnerte sich aber dann, daß ihr Mann alle Schreibarbeiten auf seinem Computer erledigte – eine der Angewohnheiten die sie an ihm besonders störten. Dies lag wohl in ihrem nahezu religiösen Verhältnis zum Schreiben begründet, das für sie eine unlösbare Einheit mit dem Dichten bildete. Profanes Schreiben (Berichte, Formulare oder ähnliches) empfand die schöngeistige Frau daher immer ein wenig als Sakrileg. Dementsprechend durfte man im Prinzip nur mit der Hand schreiben, sodaß Roxana-Sybill lediglich für die Reinschriften ihrer Manuskripte, die sie bei Verlagen einreichte, widerstrebend zur Schreibmaschine griff. Von einem seelenlosen elektronischen Pseudohirn, einem Computer, konnte natürlich keine Rede sein.

Als ihr also klar wurde, daß das Arbeiten in dem Labor unmöglich war, fragte sie sich zunehmend besorgt, was sie hier unten ein Jahr lang tun sollte. Die Gefangene begann sich daraufhin ihre Umgebung unter geistigem Aspekt anzusehen – geistige Tätigkeit erschien ihr als die einzige sinnvolle Tätigkeit überhaupt, und sie maß daher den reichlich vorhandenen Werkzeugen und verschiedenen Materialien absolut keine Bedeutung im Kampf gegen die drohende Langeweile bei. Als erstes zeigte sich, daß es in ihrem Gefängnis kein Radio und keinen Fernseher gab. Auch Musik hören war nicht möglich, da entsprechende Wiedergabegeräte fehlten.
Je länger Roxana-Sybill sich umsah, desto klarer wurde ihr, daß sie in einem intellektuell extrem feindlichen Umfeld gefangen war. Hier war alles beisammen, was sie an Wilfrieds geistiger Welt so verabscheute. Das Labor hatte glänzendweiße Wände, die zum großen Teil mit langen Bücherregalen verstellt waren. Lediglich eine etwas matter beschaffene, ebenfalls weiße Wand war völlig leer. Die Bücher in den Regalen waren, Wilfrieds Art entsprechend, sorgfältig nach Themen geordnet, wie die Gefangene nach widerwilliger Sichtung der Buchreihen beiläufig feststellte. Die Inhalte betrafen ausschließlich Mathematik, Physik, Elektrotechnik/Elektronik und Com-puterwissenschaften. Außerdem gab es einige große Schränke, deren Schlüssel steckten, obwohl erkennbar war, daß sie eigentlich zur besonders sicheren Verwahrung ihres Inhaltes konstruiert waren. Sie blickte in alle diese Schränke hinein und fand verschiedene technische, wahrscheinlich meist optische, Geräte vor. Welche Aufgaben die Apparaturen hatten, konnte sie nicht erkennen, es war ihr auch gleichgültig. Einer der Schränke war voller Kabel, Stecker und anderem Zubehör. In diesem Schrank befand sich außerdem ein Computer, sozusagen der Erzfeind, der Gottseibeiuns in den Augen der entnervten Dichterin Roxana-Sybill Kutscher.
Sie hatte damit die Inventur aller irgendwie geistig orientierten Gegenstände in ihrem Gefängnis beendet und wurde sich nun des ganzen Ausmaßes der seelischen Qualen bewußt, die ihr bevorstanden. Sie begann zu erkennen, daß ihr Hauptproblem sein würde, die lange Zeit in geistiger Hinsicht zu überstehen. Die Angst vor der Öde, die die Bücher und technischen Geräte um sie herum ausstrahlten, lag ihr allmählich wie ein Stein im Magen. Automatisch wollte sie zu einem Glas Wein greifen, wurde sich aber sofort bewußt, daß auch dieser Fluchtweg versperrt war. Roxana-Sybill hatte nach und nach das Gefühl, als habe man sie absichtlich in eine möglichst böse Situation hineinmanövriert.
Einmal entstanden, nahm dieser Gedanke schnell Gestalt an, und alles fügte sich plötzlich wie ein Puzzle zusammen: Wilfried hatte ihr eine perfekte Falle gestellt! Der qualmende Kolophoniumklumpen hatte als Köder gedient, um sie in das Labor zu locken, wo dann das Ausschalten der Heizplatte die Tür zufallen ließ! Er hatte ihr Nahrungsmittel für gerade 400 Tage, und zwar nach ihrem Geschmack, dagelassen, offenbar wirklich in der Absicht, seine Frau ein Jahr lang in dem Keller einzusperren! Es gab kein Schreibzeug, keinen Alkohol und nur absolut verhaßte geistige Kost. Wilfried hatte gut für ihre leiblichen Bedürfnisse gesorgt und zugleich eine seelische Folter für seine Frau erdacht, wie sie grausamer und vor allem kenntnisreicher nicht hätte inszeniert werden können. Sie gestand sich wutschnaubend ein, daß sie in ihrem Zorn über den Kolophoniumgestank wie an der Schnur gezogen in seine Falle getappt war.
Nachdem Roxana-Sybill sich wieder etwas beruhigt hatte, wurde ihr langsam die ganze Bedeutung der Alternative, vor der sie nun stand, klar: Sie mußte entweder auf jede geistige Beschäftigung verzichten, oder sich mit Wilfrieds abstoßenden Büchern befassen. Die Eindeutigkeit, mit der sie ihre Situation nun erkannte, stürzte die Lyrikerin erneut in die tiefste Verzweiflung. Sie ließ sich auf eine (natürlich auch bereitstehende) Liege fallen und weinte sich allmählich in den Schlaf.

Kapitel 4

Als Roxana-Sybill aufwachte, war es etwa neun Uhr morgens, wie sie ihrer Quarzuhr entnahm. Die Uhr würde von nun an die einzige Möglichkeit sein, den Tag- und Nacht-Rhythmus festzustellen, da keinerlei Tageslicht in das Labor vordrang. Halb betäubt nach einem ohnmachtähnlichen Schlaf, wurde ihr erst langsam wieder das ganze Ausmaß des Unglaublichen klar, das Wilfried ihr aus völlig unerfindlichen Gründen angetan hatte. Es fiel der Dichterin nach wie vor schwer, die ganze Situation überhaupt für wahr zu halten.
Da ihre Sinne sie jedoch immer mehr von der sie umgebenden Realität überzeugten, begab sich die Gefangene auf die Suche nach einer Waschgelegenheit, was wohl dem Bedürfnis entsprang, ein Element von Normalität in ihre bizarre Lage zu bringen. Ziemlich verborgen hinter der Kochnische fand sich eine kleine Tür, die zu einem Nebenraum mit Waschbecken, Dusche und Toilette sowie allen erforderlichen Körperpflegemitteln und Kosmetika führte. Der Raum enthielt außerdem einen großen Wäscheschrank, der, nach dem ersten Eindruck zu urteilen, ausreichend Wäsche für die Zeit der vorgesehenen Gefangenschaft enthielt. Dies war auch erforderlich, da die Dichterin sich nie mit Arbeiten wie Wäschewaschen oder Bügeln abgegeben hatte. Bitter mußte sie anerkennen, wie umsichtig Wilfried all ihre Schwächen bedacht hatte, und sie fragte sich, ob er ihr diese Schwächen nicht höhnisch oder auch anklagend vorhielt, indem er alles so perfekt arrangiert hatte. Roxana-Sybill verhielt sich nun ganz bewußt genauso, wie sie es gewohnt war: Sie duschte ausgiebig, suchte sich neue Wäsche aus dem Schrank und führte dann eine lange Reihe teilweise rätselhafter Tätigkeiten aus, die man wohl allgemein unter „Toilette machen“ zusammenfaßt. Auf diese Weise gelang es ihr einerseits, sich selbst zu beruhigen und andererseits, einen beachtlichen Teil des langen vor ihr liegenden Tages hinter sich zu bringen. Als die Gefangene sich nun wieder wohler in ihrer Haut fühlte, regte sich der Hunger, und sie frühstückte ausgiebig. Trotzig bezüglich ihrer Schwächen in der Hausarbeit wusch und trocknete sie sofort das Geschirr ab. Bei dieser Gelegenheit entdeckte sie auch einen Müllschlucker hinter einer Klappe in der Wand. Sofort dachte Roxana-Sybill daran, durch diese Luke zu entkommen, sah dann aber, daß in der Tiefe rotierende starke Messer den herabfallenden Müll zerkleinerten und sicherlich auch als Schutz gegen Eindringlinge fungieren sollten.
Nachdem alles getan war, was sie zunächst tun konnte, setzte sich die Dichterin auf einen Stuhl und begann nachzudenken, mit welchen Mitteln man die Unmengen an Zeit in diesem Gefängnis „totschlagen“ konnte. Immer wieder endeten ihre Gedanken bei der Alternative zwischen den Qualen völliger geistiger Leere und dem wirklichen Einstieg in die furchtbare Welt der Formeln und der Technik. Jedesmal, wenn sie die Unausweichlichkeit dieser Entscheidung wieder anerkennen mußte, nahm ihr Widerwille mehr die Form körperlichen Ekels an, und sie haßte Wilfried mit zunehmender Inbrunst.
In den langen Stunden dieses zweiten Tages ihrer Gefangenschaft, die sie mit den beschriebenen Gedanken verbrachte, begann der Dichterin das Grundproblem ihrer Lage – Wahnsinn durch geistigen Hunger oder Hineinversetzen in ein völlig fremdes Geistesgebiet als Überlebensmethode – bekannt vorzukommen. Irgendwie kamen ihr auch die Umstände bekannt vor, die ihre Gefangenschaft und deren Zustandekommen betrafen. Sie hatte merkwürdigerweise das Gefühl, daß dieses Bekannte an ihrer Situation mit Literatur zu tun hatte. Als sie soweit war, begann Ro-xana-Sybill intensiv nachzudenken, um die Quelle dieses unklaren Gefühls zu ergründen…
Es war schon Abend, als ihr blitzartig klar wurde, daß die eigenartige Vertrautheit ihrer Situation in einem ungeahnten Grad von Wilfrieds gemeiner Phantasie begründet lag: Er hatte seine Frau mit leichten Abwandlungen in eine Kombination zweier Machwerke der Schreiber Stefan Zweig und Roald Dahl versetzt! Sie hatte beide Geschichten im Rahmen einer Arbeit für ihre Literaturzeitschrift lesen müssen und entsann sich an einen heftigen Streit mit Wilfried, dem beide „Werke“ natürlich ausnehmend gut gefielen. Die äußeren Umstände der Gefangenschaft im Labor ähnelten sehr den Geschehnissen in der Dahlschen Geschichte „Der Weg zum Himmel“.
Hier wird der abgrundfiese Ehemann zufällig kurz vor der Abreise seiner geschundenen Frau im steckengebliebenen Fahrstuhl eingesperrt. Er selbst will für die Wochen ihrer Abwesenheit ebenfalls auswärts schlafen, sodaß das Haus des Ehepaares schon völlig verlassen ist. Sie hört an der Außentür noch sein Rufen und Trommeln, fährt aber nach kurzem Zögern einfach ab, um wie geplant für einige Wochen ihre Tochter in Europa zu besuchen. Als sie wiederkommt, ist er natürlich tot und wird als Opfer eines Unfalles gesehen. In der Geschichte ist, wie in Roxana-Sybills wahrer Lage, alles so eingerichtet, daß das Gefängnis ein Haus ist, das sehr lange niemand besucht, sodaß das Opfer keine Chance hat, gefunden zu werden.
Der feine Unterschied bestand nur darin, daß Wilfried alles genauestens inszeniert hatte, und zwar offenbar mit dem Ziel, sie seelisch zu mißhandeln, ähnlich wie es einem Opfer der Nazis in der „Schachnovelle“ von Stefan Zweig ergeht. Jetzt wurde der gequälten Dichterin klar, daß die Alternative „Wahnsinn durch geistigen Hunger oder Einstieg in eine abstoßende geistige Welt“ von Wilfried exakt vorbereitet war. In der „Schachnovelle“ haben die Nazis vor, das Opfer durch Informationsarmut zu zermürben. Dem Gefangenen gelingt es jedoch später, ein Buch zu stehlen, und er ist überglücklich, da er literarisch sehr interessiert ist. Leider handelt es sich nun aber um ein Schachlehrbuch, sodaß der Leser sich das Entsetzen des völlig schachunkundigen Opfers vorstellen kann. Die geistige Not des Gefangenen führt dann dazu, daß er als exzellenter Schachspieler, aber psychisch krank aus der Gefangenschaft hervorgeht.
Wilfried hatte die ganze Inszenierung also darauf angelegt, seine Frau zum Studium von Mathematik, Technik und so weiter zu zwingen, und zwar gerade nach Mustern jener verhaßten Schriftsteller! Sie konnte sich das alles nur durch ein Übermaß an Haß bei ihrem Mann erklären. Entsprechend wuchs ihr eigener Abscheu vor Wilfried, der offenbar wahnsinnig geworden war. Wenn man bedachte, welche gewaltigen Planungen und Vorbereitungen für diese Falle notwendig gewesen sein mußten!
Roxana-Sybill war von der Ungeheuerlichkeit der ganzen Konstruktion so überwältigt, daß sie andererseits eine gewisse Bewunderung für den Mann nicht unterdrücken konnte. Angesichts des Monströsen und Schaurigen an diesem Unternehmen gestand sie sich ein, Wilfried bisher völlig verkannt zu haben. Sie als Dichterin und insbesondere als Anhängerin extremer geistiger Ausflüge empfand mit diesem Wilfried in gewisser Weise eine größere Seelenverwandtschaft als mit dem vorher gekannten Langweiler. Das Üble an der Angelegenheit war nur, daß es sich hier um einen Realität gewordenen geistigen Ausflug ihres Mannes handelte, in dem er ihr selbst die Opferrolle zugedacht hatte.
Die „Schachnovelle“, das hatte Roxana-Sybill bereits in ihrer damaligen Arbeit widerwillig eingestehen müssen, war in psychologischer Hinsicht sehr überzeugend. Daher war sie sich ziemlich im klaren darüber, daß es für sie unausweichlich war, sich recht bald zur Lektüre der ersten öden Wilfried-Bücher zu entschließen. Zu ihrem eigenen Trost versuchte sie sich einzureden, daß ja die Autoren dieser Mathematik- und Computerbücher auch menschliche Gehirne hatten- vielleicht ließ sich eine Spur davon entdecken. So war sie ein wenig beruhigt, schließlich mußte man auch nicht unbedingt schon morgen mit der Selbskasteiung anfangen! Sie aß also genüßlich zu Abend und ging dann bald schlafen.

Wie immer bis denne, Euer Pi…

5 Gedanken zu „„Eine böse Geschichte über zwei Intellektuelle“ (3+4)“

      1. Ooooch! Man sollte doch nie den Schluss verraten, Pi. 🙄
        Aber ich werde trotzdem weiterlesen, schon alleine deiner Sprache wegen. Und weil du die Schachnovelle erwähnt hast. 😉

        1. Äääätsch, veräppelt: Esther, am Ende sind doch sowieso alle tot, aber diese Story hier endet natürlich VORHER… 🙂
          Ansonsten Danke schön, und die Schachnovelle ist hier sogar von zentraler Bedeutung finde ich. Sie hat mich damals extrem beeindruckt.

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