Kann man das reparieren? – Fortsetzung

Vor zwei Wochen erzählte ich euch die Geschichte eines leicht dramatischen Telefonanrufes – falls ihr euch nicht mehr erinnert, könnt ihr sie hier noch einmal lesen.

Nun möchte ich euch noch schildern, wie es weitergegangen ist, nachdem die Dame mich am nächsten Tag noch einmal angerufen hatte, um mir mitzuteilen, dass sie eine neue Figur bestellen würden. Wir vereinbarten einen Termin, an dem sie die Überreste der zerschlagenen Figur vorbeibringen würden, damit ich ein Muster für die Neuanfertigung hätte. Das gestaltete sich schwieriger, als man vielleicht denken würde, denn offenbar waren alle Familienmitglieder ziemlich viel beschäftigt. Doch schliesslich klappte es am letzten Samstag Nachmittag.
Es traten auf: Papa, Mama und der halbwüchsige Sohn, alle drei sehr gepflegt, gut aussehend, höflich – eine richtige Vorzeigefamilie. Jetzt, als ich sie so bei mir im Atelier stehen sah, eine kleine Insel der Ordentlichkeit in einem Umfeld, dessen Ordnung für Uneingeweihte nicht sofort ersichtlich ist, verstand ich plötzlich, dass ein aus Wut geworfener Turmschuh und die daraus folgende Konsequenz der Zerstörung eines Gegenstandes, für diese Menschen tatsächlich ein unheimlich dramatischer Akt der Anarchie darstellte, der die festgefügte Werteordnung dieser Familie infrage stellte und gefährdete. Als ich kurz im Kopf überschlug, wie teuer wohl all die mit bekannten Label versehenen Kleidungsstücke waren, die sie an den schlanken, gesunden Körpern trugen, erkannte ich, dass es beim Drama um die zerbrochene Figur nicht bloss ums Geld gehen konnte, sondern um etwas viel Tiefgreifenderes – die Zerstörungskraft ungebändigter Emotionen.

Ich hatte mir nach dem Anruf überlegt, wie ich dem Sohn, der die Figur aus der eigenen Tasche bezahlen musste, entgegenkommen könnte. Die Figur einfach günstiger hergeben wollte ich nicht, aber ich schlug nun vor, ich würde sie modellieren und wenn er wolle, dann könne er sie selbst bemalen und damit die Hälfte des Preises sparen. Dabei dachte ich nicht nur an das Taschengeld des Jungen, sondern auch daran, dass es ihm vielleicht sogar Spass machen würde und er ausserdem noch lernen könnte, wie viel Arbeit in solch einem Gegenstand steckt.

Doch kaum hatte ich diesen Vorschlag ausgesprochen, entgleisten den drei Leutchen beinah synchron die Gesichtszüge und spiegelten Ensetzen und Widerwillen, kaum kaschiert durch den Versuch eines höflichen Lächelns.
Und fast gleichzeitig meinten der Vater: „Das kann er nicht!“, die Mutter: „Das macht er nicht so gerne!“ und der Sohn: „Ich habe genug Geld, den vollen Preis zu bezahlen!“
Na gut, war ja auch bloss ein Versuch. 😉

10 Gedanken zu „Kann man das reparieren? – Fortsetzung“

  1. Finde das eine gute Idee und begreife solche Eltern nicht, die ihren Kindern nichts zutrauen.
    Hast du schonmal darüber nachgedacht Kurse zu geben?

    1. Früher habe ich das sogar gemacht, liebs Wüscherli.
      Inzwischen bringe ich aber nicht mehr die nötige Geduld dafür auf. 😉

  2. Danke für diese amüsante Geschichte, liebe Esther. So gut deine Idee mit dem selbst bemalen…aber eben, es gibt Leute die haben schon ein eigenartiges Verhältnis im Umgang mit Kindern und Geld…
    In deinem beschriebenen Fall sollte man bei den Eltern „ansetzen“. Mir tut der Junge leid…was werden ihm da für Werte übermittelt? Ist das unsere Zukunft?

    Liebe Grüsse

    1. Ja, liebe Fortuna, mir tut der Junge auch leid. Aber ich beobachte das tatsächlich immer häufiger. da ist so eine Wohlstandsspiessigkeit, die viel zu selbstgerecht ist und die Kinder sind unheimlich angepasst und leistungsbereit, übernehmen diese Werte viel zu glatt.
      Da wünscht man sich so ein paar richtig saftige Pubertätsstürme, die diese Überheblichkeit einfach davonfegen. Stell dir bloss vor, was dann passiert, wenn schon ein geworfener Turnschuh eine Familienkrise auslöst. 😆

  3. Sehr schade! Für diesen Sohn ist es schier unmöglich, nur schon daran zu denken, dass er mit Sicherheit Spass gehabt hätte, beim Mithelfen in deinem Atelier. Die Eltern verunmöglichen sowas mit ihren Aussagen. Das zieht sich vermutlich durchs ganze Sprösslingsleben.
    Er kann das nicht, weil wir das auch nicht können ?!

    en liebe Gruess

  4. Liebe Förmchen, Ihr habt ja so Recht. Aber Ihr überseht, dass die blankgeputzten Kunststoff-Eltern IHRE FIGUR wieder haben wollten! Also Esthers Produkt!
    Da kann man ja nun kaum den eigenen dilettantischen Spross ranlassen. Das wird doch nix.
    Und Sohni ist anscheinend bereits zum Abziehbild seiner Erzeuger geworden – jedenfalls wenn ich Esthers (wei immer sehr schön geschriebenen) Bericht recht deute.

    Recht traurig sowas.

    Euer Pi…

  5. In der Familie sind meiner Meinung nach keine Emotionen erlaubt….weder Wut….noch Freude….und wehe sowas passiert dann weil man sich mal einen Moment nicht unter Kontrolle hat……

    Das sind für mich ganz arme Menschen…..aber Deine Geschichte ist wieder klasse geschrieben Esther……

    Liebe Grüsse Julchen

    1. Um Himmels Willen, Esther !
      Wie konntest Du nur denken, dass sie sich so erniedrigen !
      Es war schon schwer genug Dich darum zu bitten es nochmals herzustellen!
      Damit haben sie sich schon eine Stufe herabgelassen und Dir gesagt, dass Du gut bist in Kunst!
      Na sowas aber auch.

  6. Zitat:
    und der Sohn: “Ich habe genug Geld, den vollen Preis zu bezahlen!”

    Ja, liebe Esther, SOWAS ist der beste Beweis dafür, dass der Apfel ab und zu sowas von total nicht weit vom Stamm fällt, nein, der wird, so wie es aussieht, zeitlebens daran kleben und jeder persönlichen Entfaltung entbehren… Ich stell es mir fürchterlich vor, eine solche labelbehaftete, oberflächliche Sippe in meiner Wohnung stehen zu haben…

    Pi liegt mit seinen Überlegungen bestimmt goldrichtig: Die ORIGINALFIGUR, eigens geformt und bemalt von Künstlerhand muss es sein! Schliesslich und endlich könnte das Teil ja und unter Umständen an Wert zulegen… ooooder?

    Scheiss-Eltern, denen jedes kreative Empfinden und jegliche Empathie abgeht!

    Das einzig Tolle an der ganzen Story: die Story selbst, deine unverwechselbare Schreibe!

    1. Danke euch allen für eure Kommentare und Gedanken!
      Freue mich sehr, dass ihr die Geschichte so anregend fandet. 😀

Kommentare sind geschlossen.