Katholische Falken

Ich wohne in einer Kleinstadt, einer sehr kleinen Kleinstadt. Hier kennt jeder jeden. Manchmal stört mich das und manchmal finde ich es gut. Ich möchte euch von einem der Tage erzählen, an denen ich meine Stadt wirklich gern mag. Dazu müsst ihr wissen, bei uns gibt es auch Turmfalken. Die nisten im Glockenturm der katholischen Kirche. Natürlich gibt es keine Webcam, aber der Küster der Kirche dokumentiert die Brut und Aufzucht immer mal mit Bilden und kurzen Texten in der örtlichen Tageszeitung. Alle nehmen das zur Kenntnis, aber viel geredet wird darüber nicht. Es gibt hier ein Mini-Einkaufszentrum mit einem Eiscafè und ein paar Läden. Das Ganze hat ein hohes Glasdach, abends wird der Zugang mit einer Gittertür verschlossen. An einem Samstag, voriges Jahr im September ging ich dorthin zum Einkaufen. Als erstes habe ich mich über eine Ansammlung Menschen gewundert, die dauernd nach oben guckten.

Des Rätsels Lösung: Oben unter dem Glasdach saß ein Turmfalke. Offensichtlich hatte er sich in das Einkaufszentrum verirrt und den Ausgang nicht mehr gefunden. Zu allem Überfluss war es ein schöner Tag und die Sonne knallte voll auf das Glasdach. Eine ältere Dame kam dazu und verkündete sehr energisch: „Das ist bestimmt einer von den katholischen Falken. Dem muss man doch helfen!“ Irgend jemand hatte schon die Polizei angerufen. Die Herren kamen, sahen, zuckten die Schultern und verschwanden wieder. Es kamen immer mehr Leute dazu, diverse Handys wurden gezückt. Die Freiwillige Feuerwehr wurde innerhalb einer halben Stunde ca. zwanzigmal angerufen. Allerdings nicht über die Notrufnummer. Hier kennt jeder einen der Feuerwehrmänner privat. Irgendwann bat der Oberbrandmeister um Gehör und teilte mit, inzwischen seien acht seiner Leute vor Ort und man möge bitte aufhören die Feuerwehr anzurufen! Als nächstes erschien der katholische Pfarrer. Er wurde angerufen, einer „seiner“ Falken wäre in Schwierigkeiten. Genauso erging es dem Küster, der dann auch zum Ort des Geschehens eilte. Wahrscheinlich dachten die Anrufer, wenn ein Falke im Glockenturm der Kirche aufgewachsen ist, braucht er in einer solchen Situation kirchlichen Beistand. Leider wusste aber niemand so richtig, was am besten zu tun sei. Wie den Vogel dort runter kriegen, ohne das er sich erschreckt und am Ende vor eine der Glasscheiben fliegt?! Nächster Vorschlag: Tierrettung. Es gibt eine Station in der Nachbarstadt. Gerade hatten wir uns entschieden dort anzurufen und für die Kosten zusammenzulegen, da erschien der rettende Engel! In Gestalt eines kompetent aussehenden Herrn in grünen Hosen und kariertem Hemd.
Unterm Arm trug er einen großen Kescher. Die Feuerwehr brachte die Leiter damit er zu dem Falken hochklettern konnte. Es waren wirklich viele Menschen dort, trotzdem hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören können. Der erste Versuch ging daneben, aber beim zweiten Mal klappte es! Geschafft!! Der Retter untersuchte den Vogel, sagte es sei ein Jungtier und nicht verletzt. Nur ein wenig erschöpft. Er hat ihn dann nach draussen getragen und fliegen lassen. Wir haben alle glücklich hinterhergeschaut, als er hoch über Dächern noch zwei Kreise zog und dann verschwand. Anschließend hat der Besitzer des Eiscafès allen Anwesenden ein Getränk spendiert um die Rettung zu feiern. Leider weiss ich bis Heute nicht, wer der Retter war. Er verschwand genauso schnell wie er gekommen war. An dem Tag mochte ich meine Stadt und ihre Bürger sehr, am meisten aber den unbekannten Retter.

Herzliche Grüße, Martina

8 Gedanken zu „Katholische Falken“

  1. Die Geschichte ist klasse Martina…..und was bin ich froh das es soviele Menschen gibt denen ein Turmfalke nicht egal ist……..

    1. Der Mann hatte das Herz am richtigen Fleck.
      So sagt man doch wenn einer ohne grosses `Tätä ` hilft.
      Schön Martina

  2. Eine spannende Falkengeschichte, liebe Martina.
    Es wurde mir richtiggehend heiss, als ich die Stelle mit der knallenden Sonne aufs Glasdach erreichte!

  3. Soooo schön, liebe Martina!
    Wen dieser kleine katholische Falke 😉 doch alles mobilisiert hat! Ein richtiger kleiner Star!
    Vielen Dank! Habe „Dich“ mit viel Freude gelesen!
    Zwirbel

  4. Super Geschichte, liebe Martina!
    Ich liebe deine kleine Kleinstadt und ihre Bewohner sehr! 🙂

    Vielen Dank und liebe Grüsse
    Struppy

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